ADHS und Autismus verstehen: Was bedeutet Neurodivergenz?

Birgit Maria Stubner M.A. ist Ergotherapeutin, Sozial- und Bildungswissenschaftlerin. Sie begleitet junge Menschen mit ADHS, Autismus und AuDHS beim Übergang von der Schule in Ausbildung, Studium und ein eigenständiges Leben. Ehrenamtlich ist sie in der Selbsthilfeorganisation Wohnzimmer Neurodivers e.V. (Wohnzimmer-Neurodivers) und beim Verband Neurodiversität (Startseite |) aktiv. Derzeit arbeitet sie an einem Ratgeber für neurodivergente Jugendliche und junge Erwachsene.
Was wünscht du dir, dass Eltern wissen, wenn sie zum ersten Mal merken, dass ihr Kind anders tickt?
Dass es keine Erziehungsfrage ist. Fast alle Eltern, die zu mir kommen, haben sich diese Frage längst gestellt: Was habe ich falsch gemacht? Die Antwort ist fast immer: nichts. Was aussieht wie Trotz, Faulheit oder mangelnde Anstrengung, ist meist ein Nervensystem, das anders arbeitet.
Das ändert die Frage. Nicht mehr: Was stimmt nicht mit meinem Kind? Sondern: Unter welchen Bedingungen geht es ihm gut? Und, was davon können wir herstellen?
Übrigens: Es verwächst sich nicht. Es verändert sich im Lebensverlauf. Das ist eine gute Nachricht, weil man sich darauf einstellen kann.
Was sagen dir junge Menschen selbst über das, was ihre Eltern tun sollten – und was nicht?

Zwei Dinge höre ich regelmäßig. „Es nervt, wenn sie mir sagen, was ich tun soll. Das weiß ich ja selbst.“ Und: Drängeln macht das Anfangen nicht leichter. Oft ist genau das Anfangen das Problem.
Gewünscht wird etwas Leiseres: „Dass sie hinhören und warten, bis ich alles gesagt habe. Ich brauche manchmal länger.“
Am häufigsten aber kommt: gemeinsam etwas tun. Zusammen zocken, zusammen kochen, zusammen auf dem Sofa abhängen. Nähe entsteht über Tun, nicht über Gespräche.
Und Vertrauen, in beide Richtungen.
Wie verändert sich meine Rolle als Elternteil, wenn mein neurodivergentes Kind langsam erwachsen wird – wo helfe ich noch, und wo muss ich lernen, loszulassen?

Die Rolle verschiebt sich vom Steuern zum Verfügbarsein. Das klingt nach weniger, ist aber oft mehr Arbeit. Sich zurückzuhalten ist anstrengender als zu handeln.
Konkret heißt das: fragen, statt mit der eigenen Annahme zu gehen. „Willst du, dass ich den Termin mache oder soll ich danebensitzen, während du anrufst?“
Unterstützung fällt hier manchmal später weg als bei anderen. Das ist kein Rückschritt. Entwicklung verläuft selten gerade, sondern in Schleifen, mit Umwegen und Pausen. Ein Umweg ist kein Beweis gegen ein Kind.
Was hilft meinem Kind auf dem Weg in Ausbildung, Studium oder erste eigene Wohnung wirklich?

Drei Dinge sehe ich immer wieder.
Anfangen ist schwerer als Durchhalten. Ein Timer auf fünfzehn Minuten, mit der ausdrücklichen Erlaubnis, danach aufzuhören, bringt mehr als jeder Vorsatz.
Weniger entscheiden. Jeden Morgen dasselbe Frühstück ist kein Mangel an Fantasie, sondern gesparte Energie für den Rest des Tages.
Feste Abläufe statt fester Uhrzeiten. Immer dieselbe Reihenfolge vor dem Schlafen trägt zuverlässiger als eine Uhrzeit, die nie eingehalten wird.
Und: „Gut genug“ reicht öfter, als man denkt.
Birgit Maria Stubner schreibt einmal im Monat den Newsletter mail to grow mit Beobachtungen und Anregungen rund um Übergänge im Alltag neurodivergenter junger Menschen.
Anmeldung unter: birgit-maria-stubner.de/mail-to-grow
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