Selbstfürsorge

von | 30. Dezember 2020 | Freizeit!!!, Miteinander leben, streiten, wachsen

Über Selbstfürsorge zu schreiben, schien mir bei der Zusage für diesen Artikel recht leicht. Behandle ich das Thema doch mit Schülern meiner Übungsgruppen für Wertschätzende Kommunikation. Doch dann spürte ich Ärger über ein paar Mitmenschen (keiner tut, was ich möchte … ), es häufen sich Arzttermine, Amtspost, aufwühlende Gefühle und verwirrende Gedanken. Nach den neuen Corona-Meldungen möchte ich mir nurmehr die Decke über den Kopf ziehen. Einladungen, die mir jetzt guttun könnten, sage ich aus Vorsicht ab, weil ich in geschlossenen Räumen gerade niemanden mehr treffen mag. Ich fühle mich klein, überfordert und einsam.

Was bleibt da noch? Ich umarme mal wieder meine Wut und Traurigkeit, wie ein Kind, das getröstet werden möchte. Ich kann sogar die Arme um ich legen, seit ich hörte, dass das nach 60 Sekunden das Liebeshormon Oxytocin ausschüttet. Ich mache mir Adventskerzen an und tanze mit meiner Bauchtanzgruppe am Bildschirm.
Das ändert nichts an den Umständen, doch in mir machen sich Wärme und Ruhe breit und ich spüre wieder Verbundenheit mit mir selbst und Klarheit. Ein Effekt von Selbstempathie, die unabdingbar ist, bevor ich anderen Empathie geben kann. Es geht nicht um eine schnelle Lösung, sondern das „Halten“ dessen, was da ist. Das tut Kindern wie Erwachsenen gut und ist mehr als Aushalten, vielmehr ein Annehmen, wie man gerade ist, mit allen unangenehmen Gefühlen und unerfüllten Bedürfnissen, auch wenn man sich in solchen Momenten oft nicht leiden kann.

Zeitschriften und Büchermarkt sind voll von Rat zu Selbstliebe und Selbstfürsorge. „Nimm dir Zeit für dich“, „Mach das, was dir Freude macht“. Das kann einen in dieser Pandemiezeit erst recht auf die Palme bringen, wenn man in die Knie geht im Familienalltag, und nicht weiß, wie man Homeschooling und Homeoffice trennt und ob im nächsten Monat das Geld noch reicht und wie wir mit den ganzen Ängsten umgehen sollen.

 

Beobachten Sie folgende Anzeichen an sich, die wie Lämpchen einer Warnblinkanlage aufleuchten, ist es höchste Zeit für Selbstempathie:

 

Ich formuliere Widerspruch und Rechtfertigungen, stelle Forderungen, erkenne keine Wahlmöglichkeit, verurteile jemanden oder etwas, spreche Drohungen aus, vergebe Etiketten oder meine, ich „verdiene“ etwas, mir stehe etwas zu.
Um aus dieser Spirale auszusteigen, braucht es wenig: Meine Gefühle, wie auch meine urteilenden Gedanken über mich und andere, nehme ich als Wegweiser zu meinen Bedürfnissen. Um denen auf die Spur zu kommen, hilft eine Schlüsselfrage, die Marshall Rosenberg, der Gründer der Gewaltfreien Kommunikation, in allen Konflikten stellte: Was brauche ich JETZT, um meinen Tag schöner zu machen?

 

 

Manchmal ist das eine feine Schokopraline, die mir meine Freundin beim Spaziergang in die Hand legte, die im Mund so paradiesisch schmolz, dass meine Sehnsucht nach Genuss gestillt war, wie auch mein Wunsch nach Verständnis und Begleitung im Gespräch, nach Gesehen- und Gehörtwerden in den Gefühlswogen.
Selbstfürsorge bedeutet eben nicht, alles mit sich allein auszumachen. Ich wuchs mit dem Satz auf: „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“. Dann lernte ich: Selbstempathie heißt auch, sich zuzugestehen, dass man andere braucht. Und wenn einem der eine Mensch, von dem man sich etwas wünscht, das nicht geben kann, gibt es noch Milliarden andere auf der Welt, die es gerne tun (auch das ein Tipp von Rosenberg).

Ich wünsche Ihnen einen gesunden Jahreswechsel mit viel Gehaltensein und wenig Aushalten, mit allem, was ist und nicht ist.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bildnachweis: Rawpixel