Die Zeiten sind schwierig, dazu noch der Winter … – wenn alles dunkel und schwer scheint, niemand da ist, der zuhört, keiner einen zu verstehen scheint oder man gar keinen sehen will, gibt es unterschiedliche Strategien mit dem Seelenblues umzugehen. Manche Menschen greifen zu Süßigkeiten oder schädlicheren Genussmitteln, andere laufen durch den Wald oder baden, um sich aufzubauen. Viele nutzen ein altbewährtes Heilmittel: Sie greifen zum Stift und schreiben sich den Kummer von der Seele.

Von der Hand aufs Papier

Das Schreiben ist ein guter Kanal, um nicht von trüben Gedanken oder Tränenflüssen weggeschwemmt zu werden. Es schafft Klarheit, bringt einen näher zum eigenen Kern und kann sogar Visionen ins Fließen bringen, zu neuen Sichtweisen und Wegen.
Die kalte dunkle Jahreszeit eignet sich besonders dazu, in aller Stille Empfindungen zu Papier zu bringen – am allerbesten von Hand, mit einem Stift, der, wie Studien belegen, Worte, Emotionen und Erkenntnisse effektiver über die Nervenbahnen im Kopf verknüpft als das Tippen auf der Tastatur. Zudem ist der Kontakt mit Papier und Tinte oder Graphit eine sehr sinnliche und beschauliche Erfahrung.

Sich was von der Seele schreiben

Als Einstieg eignet sich intuitives Schreiben. Experten empfehlen beispielsweise drei „Morgenseiten“ täglich, in denen wir spontan und ziellos alles runter schreiben, was uns gerade in den Sinn kommt. Wer dabei noch Hemmungen verspürt, kommt auch kürzer zum Schreibglück: Einfach Worte zu Papier bringen, die gerade in den Sinn kommen – diese können sich danach zu einer Geschichte entwickeln. Falls einen dabei eine Muse küsst und ein kleines Gedicht geboren wird, muss sich das nicht mal reimen. Hauptsache, wir geraten in den Schreibfluss. Der darf leicht gehen, um uns zu erleichtern.
Wer noch Mühe hat, Gefühle zu formulieren, beschreibt einfach, was gerade mit allen Sinnen wahrnehmbar ist: zu riechen, sehen, hören und wie sich der Körper anfühlt. Oder die Worte gehen mit den Gedanken auf Reise. Was wir denken, bestimmt, was wir fühlen und wenn wir es schwarz oder blau oder grün auf weiß lesen, lernen wir auf jeden Fall viel über uns selbst und entdecken ganz neue Facetten in uns und unseren Themen. So kann ein Tagebuch entstehen, vielleicht verschlossen in der Schublade ruhend, nachdem die Worte uns Lasten abgenommen haben – im Verborgenen mag es verwandelnd wirken.

Gemeinsam schreiben

Wer sich über seine Texte austauschen möchte, geht in Schreibwerkstätten und Schreibkreise mit Schwerpunkt „Kreatives Schreiben“. Wesentlich ist hier der reine Ausdruck und wertfreie Resonanz, fern von Leistungsdruck und Stilkorrektur.
Genauso kann eine Familie sich schreibend begegnen. Das entschleunigt die Kommunikation und entschärft konfliktbeladene Situationen. Auf spielerische Weise entsteht neue Verbindung im Alltagstrott. Kinder schreiben meist unbefangener los als Erwachsene, die oft nur „schön“ schreiben wollen. Gerade das Spontane bringt ungeahnte Perspektiven zum Vorschein, manchmal überraschend mit Humor gewürzt.

Schreiben als Seelenpflege

zu kultivieren, lohnt sich in jedem Fall. In den Schreibwerkstätten, die ich seit Jahren leite, erlebe ich, wie sich frei von Leistungsdruck in jedem noch so kleinen Text berührende Kunst entfaltet. Ich sage: In Jedem und Jeder lebt ein Poet, eine Poetin! Traut euch!
„Wer schreibt, bleibt“, sagt ein Sprichwort. Er oder sie bleibt auf jeden Fall sich selbst treu – und entdeckt selbst im Seelenblues einen Funken neue Lebenslust.

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