Kinder, wie die Zeit vergeht …

von | 13. August 2021 | Miteinander leben, streiten, wachsen

„Du bist aber groß geworden“ – ein Satz, bei dem Kinder vielleicht denken: Na, klar, so ist das doch gedacht. Trotz meines Vorsatzes, auf derlei Worte bei Begrüßungen von Kindern zu verzichten, ist mir diese Floskel oft einfach passiert, verbunden mit Gedanken, dass ich nicht mehr größer werde, sondern meine Lebenszeit schneller schrumpft, als mir lieb ist.

Als meine Enkelinnen zur Schule kamen, bekam ich den ersten Oma-Blues, weil ich meinte, die schönsten Jahre mit den Mädchen seien nun vorbei und ich sah vor allem, was wir miteinander nicht erleben konnten in den ersten sechs Lebensjahren. Obwohl wir an einem Ort leben, gab es durch manche Umstände nicht so viel gemeinsame Zeit. Und ich dachte, nun ist das „Knuddeln“ vorbei und Schulfreunde werden wichtiger als Omas.

Ich nehme an, dass ich damit nicht alleine bin. Die klassische Kinderbetreuung durch Omas ist heutzutage seltener geworden. Eltern mit modernen Lebensformen mag es ähnlich gehen. Patchworkfamilien mit mehreren Opas und Omas, Vätern, Müttern, oft an entfernten Wohnorten, reduzieren gemeinsame Zeiten. Ob es „früher“ nun besser war, sei dahingestellt. Kinder gewinnen ja auch durch vielfältige Beziehungen. Sie haben mehr Abwechslung und lernen verschiedene Lebensmodelle kennen.

Doch wie lässt sich der Wunsch nach mehr Zeit, Nähe und Verbindungen mit Kindern realisieren? Die Corona-Zeit hat uns zusätzliche Grenzen gesetzt, doch auch kreativer gemacht. Video-Treffen am PC und Handy, Austausch von Fotos und Liebesbeweisen spannten vielleicht mehr Fäden zwischen Großen und Kleinen als je zuvor. So auch bei meinem Nachbarn (71): „Meine Enkel wohnen sehr weit weg. Ich kann nur selten zu ihnen fahren, auch weil ich mit Jobs zu meiner kleinen Rente dazuverdienen muss. Doch bei den wenigen Besuchen ist der Draht zwischen uns gleich da. Wichtig ist mir, die gemeinsame Zeit ganz im Hier und Jetzt zu genießen“.
Eine Freundin (84, fast erblindet) meint: „Für mich ist in jeder Begegnung mit Kindern das achtsame Wahrnehmen des „Du“s so wichtig geworden. Ich erlebe dabei so viel Verbindung, dass mir mein Alter gar nicht auffällt. Mit Kindern habe ich die beste Kommunikation. Ich fühle mich von ihnen gesehen und verstanden.“

Meine Enkelinnen sind inzwischen 11 Jahre alt. Mit Eintritt in die weiterführenden Schulen werden sie allmählich „flügge“. Freunde und eigenständige Unternehmungen werden wichtiger als Omas. Meine Angst, die Verbindung zu ihnen zu verlieren, ist dennoch kleiner geworden. Unsere gemeinsamen Zeiten einzuplanen, bleibt zwar weiterhin anstrengend: Meine Tochter ist zu informieren – manchmal braucht es längere „Anmeldung“ für Familientreffen, manchmal ist Spontaneität gefragt – dann werden die Kinder befragt, ob und was sie wollen – und nicht zuletzt muss ich selbst freie Zeiträume und Prioritäten schaffen in meinem eigenen Wochenplan(!).

Dann noch den „Wahlopa“ einbinden, der ebenso ein reges Eigenleben führt. Weil es den Mädchen mit mir als Single-Oma oft langweilig war, haben sich die beiden in meinem Wohnprojekt einen Opa auserkoren, den wir nun öfter mitnehmen, zum Rumtollen im Park, zum Bootfahren, ins Kino und zum Essen. „Der macht einfach alles, was Kindern gefällt“, war das Fazit von Lina, die leidenschaftlich gern mit ihrem Wahlopa akrobatische Kunststücke macht. Das ist wiederum für mich erfrischend und bereichernd, weil ich nicht Alleinunterhalterin sein muss.

Ich hingegen möchte mit den Kindern mehr reden, ihnen Familiengeschichten erzählen, Anekdoten aus meinem Leben, wie es mir als Mädchen ging. Das kenne ich von meiner Oma, von der ich neben den grauen Kriegsgeschichten gerne noch viel mehr erfahren hätte, vor allem was sie dachte, fühlte und wünschte in ihrem Frauenleben. Es würde mir bis heute helfen. Da das noch mehr Zeit bräuchte, auch Mut, Muße und offene Ohren, wähle ich einen eigenen Weg, meinen Enkelinnen mehr von mir zu erzählen: Ich schreibe meine Memoiren, die sie später lesen können, als Verbindungsfaden, über die gemeinsame Zeit hinaus.

Wie gestalten Sie Ihre Zeiten mit Kindern? Welche Fäden spinnen Sie?

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