Gräben zwischen Jung und Alt – Blick einer Großmutter auf Generationenkonflikte in Familien

von | 23. September 2022 | Miteinander leben, streiten, wachsen

Es gibt die großen Generationenkonflikte, wie aktuell in der Fridays for Future-Bewegung erlebbar. Junge Menschen ziehen ihre Eltern und Großeltern rigoros in die Verantwortung und sehen sich durch die Umweltzerstörung als „last generation“, von der Ausrottung bedroht. Neu ist das nicht. Die „Alt-68er“ kämpften gegen spießiges Bürgertum und Kapitalismus ihrer Altvorderen. Doch keineswegs kleiner sind Konflikte zwischen Jung und Alt in Familien, die sich um immerwährende Themen drehen.

Wenn ich in meine Familienreihe zurückblicke, sahen die Gräben so aus: Die Mutter meinte zum Kinderwunsch ihrer Tochter: „So alt, und dann noch schwanger?“ – Der Wunsch der Enkelin nach einem kreativen Beruf wurde vom Vater, der sie später wegen ihres bio-bewussten Essens Körnerfresserin nannte, als „brotlos“ abgetan. Ballettstunden waren verpönt, weil sowas „affig“ macht und ich höre meine Oma noch über die Beatles schimpfen: „Die Pilzköpfe mit ihrer verrückten Musik!“

Wünsche, Werte und Freuden der „Jungen“ konnten von den „Alten“ nicht verstanden werden. Verletzungen und Frustrationen hingen bei Familientreffen in der Luft, bildeten Mauern zwischen Müttern und Töchtern, Vätern und Kindern. Meist wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber geredet oder Schweigen deckte die Konflikte zu. Klärende Gespräche fanden nicht statt.

Rollenwechsel und Rollback

In meiner nachfolgenden Generation beobachte ich ähnliche Konflikte. Doch sehe ich bei Meinungsverschiedenheiten eher mal „die Fetzen fliegen“ – es geht offener zu. Die Angst vor Autoritäten, wie Lehrern oder Amtsträgern, scheint verschwunden. Das erleichtert mich einerseits, da mir früher viel Furcht eingeflößt wurde und Hinterfragen nicht erlaubt war. Doch jetzt, mit 64, ertappe ich mich bei Gedanken wie: Wie frech sind doch meine Enkelkinder … da hat meine Tochter was falsch gemacht … – wie rücksichtslos sind die jungen Nachbarn gegenüber meinen Grenzen und Bitten … – Dabei hielt ich mich immer für großzügig.

Andererseits zuckte ich und wehrte mich, wenn meine Tochter Unordnung in meiner Wohnung monierte oder sagte: „Wie bist du heute wieder angezogen?“, weil ich frei nach meinem Geschmack wohne und mich abseits von Moderegeln kleide. Musste ich mir sowas nicht schon von meinen Eltern anhören? Und was wurde aus den feministischen Grundsätzen, für die meine Generation lange gekämpft hat? Heiraten, Herd und Kinder scheinen wieder „in“ und das Ausharren in unbefriedigenden Beziehungen sicherer als Unabhängigkeit. Was für ein „Rollback“! Aber warum wollte ich eigentlich, dass meine Tochter alles besser macht?

Veränderung braucht Zeit und offene Ohren

Aus meiner Sicht vertreten in meinem Umfeld die „Jungen“ heute ihre Standpunkte selbstbewusster und „Alte“ scheinen mir unsicherer oder vorsichtiger ihre Bedenken gegenüber der Lebensweise der Jüngeren zu äußern. Weiterhin wollen Junge sich nicht reinreden lassen in die Erziehung ihrer Kinder. Ältere höre ich oft klagen, dass ihre Kinder und Enkel sich nicht um sie kümmern oder gar nichts von ihnen wissen wollen.

Ich frage mich weiterhin: Was könnte denn mehr Verständnis zwischen Jung und Alt bringen, liebevollere Verbindungen, bereichernden Erfahrungsaustausch und Wertschätzung füreinander? Ich bin ziemlich ratlos. Gelassener macht mich nur die Sicht, dass Entwicklungen ihre Zeit brauchen und unsere Prägungen nicht von heute auf morgen verschwinden. Von den Jungen wünsche ich mir ein offenes Ohr für meine Sichtweisen und dass ich ernst genommen werde und der Erfahrungsschatz meiner Generation als Bereicherung gesehen wird. Vor allem hoffe ich, dass wir uns in dieser schwierigen Zeit das Leben gegenseitig leichter machen und voneinander lernen.

Über die Autorin:
Karin Charlotte Melde – Jahrgang 1958
Trainerin f. Gewaltfreie Kommunikation nach M.B. Rosenberg, Autorin, Leiterin von Schreib-werkstätten
Mutter einer Tochter / Großmutter von Zwillings-Enkelinnen
Bewohnerin eines Mehrgenerationenhauses mit 100 Nachbar*innen www.wingmbh.de
Kontakt: DIE WORTBINDEREI Text / Kommunikationstraining / Schreibcoaching
melde@wortbinderei.de
www.wortbinderei.de

 

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Bildnachweis: Artur Szczybylo - adobe stock