Nein, mein Ex und ich haben unsere Kinder nicht zersägt, nachdem wir uns getrennt hatten.

Im Nachhinein kann ich sagen: Wenigstens an diesem einen Punkt waren wir uns einig – dass wir unsere Kinder lieben und dass unsere Kinder an uns beiden hängen. Es genügten zwei gemeinsame Gespräche mit einem Erziehungsberater, um festzuhalten: „Ja, wir wollen uns Mühe geben, gute Eltern zu bleiben, obwohl wir es nicht schaffen, miteinander weiter zu leben.“ Und dann waren wir auch in der Lage, vernünftige Absprachen zu treffen, zum Beispiel
– Wie machen wir das an Kindergeburtstagen, Weihnachten und anderen Familienfeiern?
– Wer geht zu Elternabenden, begleitet zum Fußball usw?
– Wie läuft das mit den Übergaben der Kinder nach „Papa- Wochenenden“?

Papa-Wochenenden, so einigten wir uns, beginnen schon am Freitagnachmittag, da holt er die Kinder von der Kita ab. Sie enden am Montagmorgen, da bringt er die Kinder in die Kita, bzw in die Schule.
Zunächst erschien mir das ein viel zu langer Zeitraum, denn ich vermisste die Kinder in den ersten Monaten sehr stark, wenn sie beim Vater waren. Ich konnte die Zeit ohne sie gar nicht richtig genießen und für mich nutzen.

Der Erziehungsberater hatte uns diese Lösung vorgeschlagen und tatsächlich war ich von den Vorteilen dann doch bald überzeugt:
– Gereizte Wort- und Blickwechsel zwischen uns Ex-Partnern, während die Kinder „übergeben wurden“ fielen weg.
– Mein Ex hatte nicht nur entspannte Wochenendzeit mit den Kindern, sondern – wie ich – auch mal den Stress, pünktlich an der Schule oder Kita anzukommen. Außerdem lernte er so die Erzieherinnen und die Klassenlehrerin kennen.
– Vor allem aber konnte ich Freitag bis 18:00 Uhr arbeiten, ohne die Oma oder andere Mütter einzuspannen für das Abholen der Kinder, die nur bis 16:30 in der Kita bleiben konnten.
Damals hatte ich zwar nur eine Teilzeitstelle, mußte aber freitags bis 18:00 Uhr arbeiten.
Jede von uns Kolleginnen hatte Kinder und es sollte keine in den sauren Apfel beißen müssen, täglich so lange zu arbeiten.

Wir haben diese Lösung über viele Jahre, an jedem zweiten Wochenende, beibehalten und nach einer Weile war ich dafür richtig dankbar.
Zum Einen konnte ich nach einer Weile noch einen kleinen Job finden, bei dem ich zweimal im Monat am Wochenende arbeiten und so die Haushaltskasse aufbessern konnte.
Zum Anderen habe ich es dann auch oft genossen, ganze Wochenenden selber gestalten zu können, ohne mich um die Kinder zu kümmern: Mal setzte ich mich in den Zug, um eine entfernt wohnende Freundin zu besuchen. Mal halfen Freundinnen, binnen zwei Tagen ein Wohnzimmer neu zu tapezieren, was mir allein und mit Kindern um mich herum nie gelungen wäre. Mal ging ich drei Tage hintereinander mit Sonnenöl und Zeitschriften ins Freibad.

Freundinnen…gerade alleinerziehende Freundinnen waren mir so wertvoll! Eine Freundschaft habe ich allerdings von mir aus, nach einem heftigen Streit, aufgekündigt. Die Freundin machte sich immer wieder mal lustig über mich und sagte zum Beispiel „Du bist schön blöd, soviel zu arbeiten mit so kleinen Kindern. Dazu kann dich doch keiner zwingen – lass doch den Ex zahlen, so wie ich“.
Oder sie warf mir vor, ich würde meine Kinder ständig „abschieben“ zum Vater oder von anderen Personen betreuen lassen, wenn ich Überstunden machen mußte.
Unsere Wege gingen auseinander, denn ich wollte mir nicht von einer anderen Frau auch noch ein schlechtes Gewissen einreden lassen.
Schließlich erlebte ich in meinem Umfeld auch genügend Frauen, die es nach einer langen Pause schwer hatten, in ihrem alten Beruf wieder Tritt zu fassen.

Ich bin ganz froh, dass ich – trotz kleiner Kinder – nach der Trennung ein eigenes Gehalt und nette Kollegen hatte und später auch wieder Vollzeit arbeiten konnte. Mein Ex war Selbständiger und nach einigen Jahren flossen seine Unterhaltszahlungen nur noch unregelmäßig, weil es ihm wirtschaftlich schlecht ging.
Zu der Zeit war es für beide Kinder schon selbstverständlich, dass ich arbeitete und davon der Großteil unserer Ausgaben bestritten wurde.
Klar, gerade am Gymnasium war spürbar, dass Familien, in denen die Eltern zusammenlebten, ihren Kindern meist mehr bieten konnten als ich. Wir drei flogen zum Beispiel nicht in den Sommerferien in einen Club in der Dominikanischen Republik, sondern fuhren an den Gardasee. Oder in die Fränkische Schweiz.

Aber wenn ich die Kinder (die zwischenzeitlich selber im Elternalter sind) frage, dann war meine Berufstätigkeit nie etwas, woran sie sich gestört hätten. Ich erinnere mich auch noch an Situationen, in denen sie stolz waren, mich auf der Arbeit besuchen zu dürfen.

Ich hab meine Kinder also nicht zersägt…warum dann dieser Blogtitel?
„Wie zersäge ich mein Kind?“ hieß ein Buch, das mir eine Frau empfohlen hatte, als meine Ehe auseinanderging. Es half mir in den ersten Wochen in all meiner Unsicherheit, Wut und Zukunftsangst. Es half mir, die Überzeugung zu gewinnen, dass ich für mich sorgen kann – und für die Kinder.

Meines Wissens nach wurde das Buch nicht mehr neu aufgelegt…wer reinschnuppern mag, findet es aber noch im Internet zu kaufen: „Wie zersäge ich mein Kind?“ von Annemarie Stoltenberg und Rainer Meier aus dem Kabel-Verlag.

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Bildnachweis: Doris Reinecke