Wie umgehen mit einer traumatischen Geburt?

von | 26. April 2021 | Eltern werden, Eltern sein, Sagen Sie mal…

Die Geburt des eigenen Kindes ist in jedem Fall ein einschneidender Moment im Leben einer Mutter. Sie verläuft so individuell wie jede Schwangerschaft. Jede Frau wünscht sich dabei einen möglichst komplikationslosen Verlauf, der einen guten Start in das neue gemeinsame Leben als Familie ebnet. Doch nicht immer gelingt das: Viele Frauen erleben nicht die Geburt, die sie sich gewünscht haben. Im schlimmsten Fall gehen sie mit einem Trauma aus dem Kreissaal, das schwer auf der Familiendynamik und weiteren Familienplanung lasten kann. In diesem Beitrag hat uns Lena Einblick in ihren Umgang mit einer traumatischen Geburt gewährt.

 

Wie hast du nach der Geburt deines ersten Kindes gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Die Geburt verlief bis zu einem gewissen Punkt sehr gut und ich habe mich auch wohlgefühlt. Leider kam es dann wegen des Schichtwechsels des Klinikpersonals, einem recht unerfahrenen Team und hohem Zeitdruck zu Komplikationen, wodurch die Stimmung im Kreissaal sehr hektisch wurde und ich total aus dem Konzept geriet. Nach verschiedenen Interventionen kam meine Tochter zum Glück gesund zur Welt, doch ich hatte schwere Geburtsverletzungen erlitten. Neben diesen körperlichen Faktoren bemerkte ich schnell, dass auch emotional etwas nicht stimmte. Ich fühlte eine große Leere in mir und eine Distanz zu meinem Kind. In den darauffolgenden Stunden und Tagen funktionierte ich einfach nur. Ein paar Wochen später bemerkte ich gerade abends starke Unruhegefühle und konnte nicht mehr schlafen. Der Appetit lies nach und ich hatte zeitweise heftige Flashbacks zu einschneidenden Momenten der Geburt. Das waren Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie zum Beispiel auch Soldaten erleben.

 

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe viel mit Freunden und Familie gesprochen. Leider bin ich dabei auch oft auf abwehrende Haltungen gestoßen, wenn mir jemand entgegnete, es sei doch nun alles gut und ich solle das Erlebte einfach abhaken. Doch so einfach war das nicht. Meine Hebamme empfahl, eine Gesprächstherapie zu machen. Allerdings hat es mir persönlich nicht geholfen, nur darüber zu sprechen. Ich habe gemerkt, dass ich tiefer graben muss. Ich war für mehrere Sitzungen bei einer speziellen Hypnosetherapeutin, die mir geholfen hat, das Geburtstrauma soweit aufzuarbeiten und damit abzuschließen, dass ich wieder nach vorne schauen konnte.

 

Wie haben sich diese Erfahrungen auf deine weitere Familienplanung ausgewirkt?

In den Wochen nach der Geburt dachte ich, dass ich auf keinen Fall weitere Kinder möchte. Der Preis schien mir einfach zu hoch und ich war mit mir selbst überhaupt nicht mehr in Einklang. Als ich mich immer mehr mit dem Erlebten auseinandergesetzt habe und erkannte, dass diese Erfahrung auf absolut ungünstige Umstände zurückzuführen war und nicht auf mein persönliches Scheitern, öffnete ich mich der Idee weiterer Kinder wieder. Es kam mir im Nachhinein betrachtet zugute, dass ich wegen der medizinischen Nachsorge nochmals in die Klinik zurückkehren musste. Diese Konfrontation mit dem Ort des Geschehens und der Zuspruch meiner Familie und Hebamme gaben mir die Kraft, das Gespräch mit den Verantwortlichen der Klinik zu suchen und den Geburtsbericht anzufordern. Diese Auseinandersetzung mit den medizinischen Umständen haben mir viel gebracht, weil nachträglich eine gewisse Rationalität in diese hoch emotionale Erinnerung einziehen konnte. Am Ende dieses Prozesses war eine zweite natürliche Geburt für mich zwar weiterhin ein rotes Tuch, doch einen Kaiserschnitt hätte ich mir bereits wieder vorstellen können.

 

 

Du erwartest in wenigen Wochen dein zweites Kind und möchtest es nun doch auf natürliche Weise zur Welt bringen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Der Wunsch nach einem Kaiserschnitt war mit der Angst vor einer weiteren traumatischen Geburt verbunden. Doch ich wollte mich dieser Angst stellen, da ich grundsätzlich glaube, dass genau diese Angst, hervorgerufen durch Unsicherheit und Unwissenheit, der ausschlaggebende Faktor für ein Geburtstrauma ist. Deswegen habe ich viel zum Thema Angst rund um die Geburt recherchiert und mich auch tiefer mit dem Thema Hypnose beschäftigt. Zum Glück gibt es mittlerweile einen regelrechten Trend, der diesen Ansatz aufgreift. Egal wie man es nennen möchte – Hypnobirthing, Hypnose, Meditation oder mentale Geburtsvorbereitung – es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich angstfrei mit dem Thema Geburt auseinanderzusetzen. Ziel all dieser Methoden und Kurse ist es, eine möglichst selbstbestimmte Geburt zu erleben und im Fall der Fälle mental vorbereitet zu sein. Ich bin überzeugt, dass eine solche Vorbereitung die Gefahr eines Geburtstraumas reduziert, weil man einerseits das Gefühl hat, mit der Herausforderung besser umgehen zu können und gleichzeitig Verantwortung abgeben kann, ohne Kontrollverlust zu empfinden und in der Folge von einer unerwarteten Situation überrollt zu werden.

 

 

Lena will im Blog nach der Geburt ihres zweiten Kindes von ihren Erfahrungen berichten.
Frühere Blogbeiträge zu Krisen nach der Geburt findet Ihr hier:

Psychische Krise vor oder nach der Geburt? – Das Zentrum Kobergerstraße hilft

https://familienblog.nuernberg.de/baby-blues/

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Viele Fragen und Herausforderungen stürmen auf Sie ein. Unsere Videoclips geben Ihnen hilfreiche Tipps für diese spannende Zeit mit – ganz egal, ob es um finanzielle Leistungen, nötige Behördengänge, Kinderbetreuung oder Treffpunkte für junge Eltern geht: https://www.nuernberg.de/internet/buendnis_fuer_familie/elternvideo.html

 

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