Schneller sauber? – Das Problem forcierter Sauberkeitserziehung

von | 6. Juli 2020 | Eltern werden, Eltern sein, Miteinander leben, streiten, wachsen

„Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!“
Dieses Sprichwort zum Einstieg passt meiner Meinung nach sehr gut zur allgemeinen Entwicklung von Kindern.

In meinem heutigen Artikel möchte ich mich einem bestimmten Entwicklungsbereich widmen. Es geht um die Verabschiedung von der Windel und parallel dazu um die ersten Schritte in Richtung Toilette oder Töpfchen.

Ich orientiere mich an der Auffassung von Emmi Pikler, einer ehemals ungarischen Kinderärztin aus Budapest, deren Haltung gegenüber Kindern von Liebe und Achtsamkeit geprägt war.
Wer mehr über Emmi Pikler erfahren möchte, kann unter folgendem Link stöbern: https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Alternative-Erziehung/PiklerPaedagogik.php

Einleitung

Der Erwerb der Blasen- und Darmkontrolle stellt für Kinder und Erwachsene eine echte Herausforderung dar.

Für das Kind ist dieser Lernschritt nur einer von vielen.
Für Erwachsene aber ist dieser Lernschritt häufig ein eher lästiges Thema. Dem Ganzen wird meist nur gestresste Aufmerksamkeit geschenkt und schnell, fast schon nebenbei, mit dem Kind ausgeführt.

Bei dem Erwerb der Blasen- und Darmkontrolle handelt es sich um einen Reifungsprozess im Gehirn. Kinder müssen erst einmal physisch dazu in der Lage sein, Blase oder Darm bewusst wahrzunehmen, um darauf reagieren zu können. Diesen Prozess können Eltern oder pädagogische Fachkräfte nicht durch Üben, Belohnungen, Bestrafungen, Zwangsentzug der Windel oder Sonstiges beschleunigen.

Einige Erwachsene glauben, es handele sich dabei einfach um die Ausbildung eines Reflexes. Jedoch geht es dabei um viel mehr.

Es ist ein weiterer wichtiger Schritt in der geistigen und sozialen Entwicklung der Kinder. Sowohl Eltern als auch pädagogische Fachkräfte können die Kinder zwar immer wieder ermutigen die Toilette aufzusuchen, sind diese Angebote jedoch forciert und von unterbewusstem Druck geprägt, führt dies zu keinem früheren Verabschieden von der Windel und kann sich eher negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken.

Ein Leitsatz von Emmi Pikler, den ich schön finde und der sich für mich persönlich auf die gesamte Entwicklung von Kindern bezieht, lautet: „Lasst mir Zeit.“

Folgen der forcierten Sauberkeitserziehung

Als Folge der forcierten Sauberkeitserziehung unterdrücken Kinder gegebenenfalls ihren Stuhlgang aus Unbehagen, weil sie z.B. nicht allein auf die Toilettenschüssel kommen, die Toilette aus bestimmten Gründen nicht mögen oder sich vor ihrem großen Geschäft ängstigen.

Die Konsequenz der Zurückhaltung des Stuhlgangs ist, dass dieser zunehmend fester wird und es zu Schmerzen bei der Darmentleerung oder auch zu dauerhafter Verstopfung führen kann.

Durch voreilige Forderungen der Erwachsenen wird einem Kind die Möglichkeit genommen, bestimmte Eigenschaften und Signale des Körpers selbst kennenzulernen und zu erkennen.

Es besteht die Gefahr, dass Kinder hinsichtlich ihrer eigenen Körperfunktionen vom Erwachsenen abhängig gemacht werden und dadurch nicht die Kontrolle über ihren Schließmuskel erwerben oder optimieren können.

Manche Erwachsene setzen ihr Kind in regelmäßigen Zeitabständen auf die Toilette oder auf das Töpfchen. Auf diese Art und Weise soll das Kind lernen sein Geschäft zu verrichten und zugleich vermieden werden, dass es vorher schon in die Hose geht.

Das Problem dabei ist aber, dass so die Erwachsenen das Zeitfenster und den Rhythmus für den Toilettengang vorgeben, nicht das Kind. Manchmal sogar selbst dann, wenn das Kind eindeutig „Nein!“ sagt.
Geht dann irgendwann etwas in die Toilette, wird applaudiert und gejubelt. Eltern sind stolz und können nun vielleicht auch in Gesprächen mit anderen Eltern erzählen, dass ihr Kind auch „schon so weit ist“.
Aus meiner Sicht übergeht der Erwachsene aber damit die Entscheidung des Kindes. Das Kind wird zwar gefragt: „Musst du auf die Toilette?“, aber wenn das Kind daraufhin beispielsweise mit „Nein“ oder deutlicher Abneigung reagiert, entscheidet trotzdem der Erwachsene, dass der Schritt zur Toilette folgt.

Die Eltern-Kind-Beziehung wird dadurch eher negativ beeinflusst.

Vergisst der Erwachsene einmal das bisherige Zeitfenster und das Kind macht dann im späteren Alter in die Hose, folgen häufig Konflikte zwischen dem Kind und dem Erwachsenen.
Folgendes ist passiert: Dem Kind wurde antrainiert, dann auf die Toilette zu gehen, wenn der Erwachsene entscheidet, dass der Zeitpunkt zum Toilettengang gekommen ist. Also verlässt sich das Kind auf den Erwachsenen, der bisher ja auch immer die Entscheidung traf.
Wenn dann doch mal was in die Hose geht wird dem Kind meistens, wenn auch nicht bewusst, ein schlechtes Gewissen gemacht.
Sätze wie „Du bist doch schon groß, da macht man doch nicht mehr in die Hose.“ oder „Das ist aber nicht schön!“ sind daher auch wenig förderlich für die Herstellung einer stabilen Beziehung und emotionalen Sicherheit für das Kind.

Welchen Umgang gibt es als Alternative dazu?

Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten versuchen, den Rhythmus eines Kindes kennenzulernen und die Signale des Kindes zu erkennen.

Allein die Mimik und Gestik eines Kindes verdeutlichen die individuellen Bedürfnisse. Einige beginnen zu trippeln, andere bekommen einen roten Kopf oder geben stöhnende Laute von sich. Wieder andere werden still und ziehen sich zurück oder beginnen zu weinen.

Manche Kinder, die selbst spüren, dass ihr Darm drückt oder die Blase voll ist, möchten in diesem Moment von sich aus ihr Geschäft in die Toilette oder ins Töpfchen machen. Der Erwachsene kann dem Kind dann einfach anbieten, mitzukommen oder nachfragen, ob es Hilfe benötigt.

Günstig ist außerdem, wenn die Kinder zwischen Töpfchen und Toilette wählen können -jeder hat schließlich seine Vorlieben.

Übertriebenes Loben bringt weder den Erwachsenen noch das Kind weiter, ebenso wenig wie Schimpfen oder gar Bestrafungen, wenn etwas danebengeht.

Reagiert eine erwachsene Person jedoch möglichst gelassen und geduldig, auch wenn es schwerfällt, ist das die beste Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beziehung. Manch Erwachsener scheut sich vor einem offenen Umgang mit dem Thema oder macht es zu einem Tabu.

Die Neugierde eines Kindes zu stillen ist aber genauso von Bedeutung in diesem Entwicklungsschritt. Schließlich möchte es etwas über seinen Körper und dessen Vorgänge erfahren.
Eine Alternative dazu wären auch gemeinsame Buchbetrachtungen, wenn einem selbst die Worte dazu fehlen.

Geschlechtsteile beim Namen zu nennen, statt Verniedlichungen dafür zu finden ist ebenso wichtig. Somit lernt ein Kind, sich für seine Körperteile nicht schämen oder verbal zurücknehmen zu müssen.

In der Phase des Trockenwerdens ist Kleidung, die das Kind schnell und selbstständig an- und ausziehen kann, von Vorteil. Das bedeutet, dass Jeans oder Hosen mit Gürtel, Knopfleiste oder Latzhosen weniger geeignet sind.

Kommuniziert ein Kind von sich aus, dass es auf die Toilette möchte, ist es ratsam dem Kind im Anschluss die Wahl zwischen der Unterhose und dem Tragen einer Windel zu lassen. Dadurch vermittelt der Erwachsene dem Kind, dass er keinen allzu großen Erwartungsdruck hegt und den Prozess achtsam begleitet.

Außerdem erschrecken sich manche Kinder oder fangen an zu weinen, wenn sie zum ersten Mal eigenständig die Spülung betätigen, denn plötzlich verschwindet auch das Geschäft unwiederbringlich in der Toilette. Ein Kind bei diesem Gefühl einfühlsam zu begleiten ist wichtig. Schließlich sind ihm am Anfang die Konsequenzen des Spülvorgangs noch nicht bewusst. Beim nächsten Toilettengang können Erwachsene das Kind vor Betätigung der Spülung z.B. darauf vorbereiten indem sie sagen: „Weißt du noch was passiert, wenn du die Spülung drückst?“ oder „Wollen wir noch winken und Tschüss sagen bevor du spülst?“. Das klingt vielleicht erst einmal übertrieben und befremdlich, aber die wenigsten Erwachsenen können sich in diese Situation zurückdenken. Sein Geschäft hinunter zu spülen heißt nämlich irgendwo auch Abschied zu nehmen.

Wer Interesse hat, zu diesem Thema noch mehr zu erfahren, dem kann ich folgenden Link zu Literatur von Emmi Pikler empfehlen.
https://www.liewensufank.lu/wp-content/uploads/2017/05/2020_01_BabyInfo-S28-29-PiklerBuecher.pdf

Wer auf der Suche nach einem passenden Bilderbuch zu dem Thema ist, dem kann ich die folgenden Bücher empfehlen.
https://www.medimops.de/sandra-grimm-was-hast-du-in-deiner-windel-gebundene-ausgabe-M03785577354.html
https://www.medimops.de/eva-eriksson-max-und-die-windel-gebundene-ausgabe-M03789168475.html

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Bildnachweis: Simon, Adobe Stock