Planlos Reisen – ein Selbstversuch

von | 9. September 2022 | Freizeit!!!, Miteinander leben, streiten, wachsen

Sommer 2022. Waren wir je so ausgehungert nach neuen Reizen, nach dem Eintauchen in für uns unverständliche Sprachwelten, nach dem großen, wilden Meer? Ich glaube kaum. Und obwohl ich es am allermeisten liebe, die gemäßigten Zonen mit dem Bulli zu bereisen und in die heimischen Nationalparks abzutauchen, war ich in diesem Jahr sofort Feuer und Flamme, als meine beiden Liebsten fortfliegen wollten, irgendwohin, wo wir noch nie gewesen sind. Und ein Abenteuer, ein Abenteuer sollte es auch werden; ein unvergessliches sogar!

Nun, wir hatten eigentlich beschlossen das Fliegen sein zu lassen. Über zehn Jahre sind wir standhaft geblieben, weshalb es nicht schwer war ein Land zu finden, das wir noch nicht bereist haben. Unsere Wahl fiel auf Portugal, wegen der Wellen, wegen des Surfens und unserer aller Neugier auf die bunten Fassaden Lissabons und die erhofften Riesenwellen von Nazaré. Von Porto nach Lissabon sollte die Reise ungeplant und spontan verlaufen, um dann in Ericeira ihren Höhepunkt mit viel Zeit zum Surfen und Entspannen in einem schönen Hostel zu erreichen.

 

Nach drei Tagen Porto haben wir uns zu Fuß ins 15 Kilometer entfernte Espinho gemacht. Bei sengender Hitze mit all dem Gepäck am Strand entlang wandernd haben wir uns heldenhaft gefühlt, dann überfordert, dann verzweifelt und schließlich die letzten fünf Kilometer mit dem Zug überbrückt. Wir haben die spontane Absage einer Unterkunft verkraftet und eine Nacht in der wohl übelsten Jugendherberge Europas überstanden.

Wir haben chlorfreies Leitungswasser vermisst, in Mehrbettzimmern mit Fremden übernachtet, erlebt, wie eine Bande räuberischer Stadttauben ein ganzes Frühstück binnen weniger Wimpernschläge unter sich aufteilen kann, uns gestritten und wieder vertragen und vor allem darüber gestaunt, wie lang sich zwei Wochen anfühlen können. Das wichtigste aber war die viele gemeinsame Zeit. Die seltene Gelegenheit, ganze Tage miteinander zu verbringen. Sich über die vielen neuen Eindrücke auszutauschen und gemeinsam über all die kleinen und mittelgroßen Katastrophen zu lachen, die wir miteinander überstanden haben.

 

 

 

Was wir bei unserer Planung nicht bedacht haben: Reisen in der Hochsaison funktioniert ganz anders als in der Zeit unseres kinderlosen Lebens, denn nun sind wir an die Schulferien gebunden und das ungezwungene Losreisen mit der Hoffnung auf eine Fülle von freien Unterkünften war natürlich naiv. Mehr als einmal waren wir sehr froh, mit Hilfe diverser Apps doch noch irgendwo ein bezahlbares Zimmer zu finden. Wir hatten außer einem Stück Handgepäck pro Person noch einen großen Reiserucksack dabei – auch das würden wir beim nächsten Mal versuchen zu vermeiden. Der eigenen Neugier frei folgen zu können, uns von den Berichten zu einzelnen Orten inspirieren und uns dennoch durch die Tage treiben lassen zu können, hat uns allerdings mehr als entschädigt. Wir sind für Pauschalurlaub vermutlich wirklich nicht gemacht. Einfach losreisen funktioniert für uns also auch mit Kind. Eine gewisse Vorbereitung kann dabei aber sicher nicht schaden.

Über die Autorin:
Stephanie Mehnert ist Autorin & Gestalttherapeutin
www.stephaniemehnert.de

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Bildnachweis: Stephanie Mehnert