Unser aller Lifestyle ist ökologisch problematisch – selbst wenn wir unseren Morgenkaffee nicht aus George-Clooney-Kapseln pressen oder ihn am Steuer eines SUVs aus einem Pappbecher schlürfen. Wir spülen unsere Ausscheidungen mit literweise Trinkwasser runter, trinken unsere Bio-Milch aus Verbundstoff-Kartons, tragen Funktionskleidung, an deren Materialien das Ökosystem in 500 Jahren potentiell noch seinen Spaß haben wird, von den Produktionsbedingungen der allermeisten Textilien einmal abgesehen. Fleischkonsum, Flugreisen, Plastikmüll im Ozean und anderswo, Autofahren, seltene Erden im Smartphone … ja, ich hör‘ schon auf.


Eine weiße Weste hat kaum ein Bewohner einer westlichen Industrienation.

Selbst, wenn wir uns noch so sehr mühen, was die meisten, sind wir ehrlich, ohnehin nicht tun. Ein gutes ökologisches Gewissen ist heute meist nicht die Folge eines bewussten oder entbehrungsreichen Lebenswandels, sondern ein Konsumgut wie Shampoo oder Pizza. Zahl ich 20 % mehr, ist die Verpackung grün und aus Bambusfaser. Am Grundproblem, unserem Konsumverhalten, müssen wir dann, gottlob, nichts ändern. Und doch wächst bei vielen Eltern der Anspruch, ihren Nachwuchs wenigstens zu einem Mindestmaß ökologischer Verantwortung zu erziehen.

Viele Eltern wollen ihren Kleinen ein Bewusstsein über den Wert und die Begrenztheit natürlicher Ressourcen mit auf den Lebensweg geben.

Nur – wie kriegen wir das zusammen? Wer nur einen Funken Ahnung von Pädagogik hat, weiß um die Bedeutung von Authentizität in der Erziehung. Fachleute sprechen auch von „kongruentem“ Reden und Handeln: Wer nicht will, das Mäxchen seiner Spielplatzbekanntschaft den Schaufelbagger in die Fresse haut, sollte seinen Fehltritt besser nicht mit einer Ohrfeige bestrafen; ein „iss vernünftig“ ist, mit einem halben Cheeseburger im Mund artikuliert, wohl kaum eine erfolgversprechende Ermahnung. Wenn wir unseren Kids also einen von Nachhaltigkeit und bewusstem Konsum erzählen wollen, haben wir ein ausgewachsenes Glaubwürdigkeitsproblem.

Was tun? Die Konsequenz aus diesem Dilemma kann kaum sein, dass wir der Brut ein fröhliches Nach-Euch-die-Sintflut einimpfen. Vielmehr sollten wir versuchen, die Position zu verändern, aus der heraus wir mit unseren Kindern über Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sprechen. Mein Vorschlag wäre eine Art Kompromiss in zwei Schritten. Erstens schonungslose Analyse des Ist-Zustands und zweitens eine sportliche Sichtweise auf das eigene Verhalten.

Schritt 1: Analyse des Ist-Zustands

Um sich ein Bild der Lage zu verschaffen muss man sich zunächst selbst beobachten lernen. Man muss hinterfragen, wie oft man sehenden Auges Dinge macht, die man aus ökologischer Perspektive eigentlich gar nicht richtig findet. Vielleicht kann man dafür sorgen, für ein, zwei Tage immer ein Notizbuch zu Hand zu haben, um kurz aufschreiben zu können, was man über den Tag „Umweltkritisches“ macht. Ein paar Fragestellungen als Anregung: Wie viele tierische Produkte verleibe ich mir am Tag ein? Wie oft shoppe ich online, wie viel davon geht retour? Ist es intelligent, 700 Kilo Blech zu bewegen, um 70 Kilo Mensch ins 3 Kilometer entfernte Büro zu verfrachten? Muss ich zwischen Oktober und April dreimal die Woche bei einem Vollbad entspannen? Braucht‘s für jeden Krümel ein Feuchttuch?

Der Fragenkatalog ist beliebig erweiterbar und kann individuell angepasst werden. (Tipp: Auf keinen Fall länger als zwei Tage durchziehen, sonst droht Beendigung des Experiments aufgrund akuten Extremfrusts.)


Ja, so eine Selbstbeobachtung mag manchmal hart sein, aber Kinder sind ein wunderbarer Grund, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen. Das gilt bei der Ernährung (nein, Du hattest heute schon ein Gummibärchen – Stunde später, Kind im Bett, Tafel Schoko beim Tatort) ebenso wie beim Thema Konsum und Nachhaltigkeit. Wenn man versucht, in diesen Dingen möglichst ehrlich mit sich selbst zu sein, ist die Tür zur frustrierten Resignation natürlich weit offen. Deshalb stellen wir uns dem ja auch so ungern. Aber hey: wir haben uns entschieden, Kinder in die Welt zu setzen, ohne sie vorher zu fragen, ob sie das überhaupt wollen. Wenn Du Dein Kind liebst, dann haben gewisse Fragen eine gewisse Dringlichkeit. Zum Beispiel die Frage, was Du an Deinem Verhalten ändern kannst, um die Chancen zu erhöhen, dass die Erde auch morgen ein Ort ist, auf dem es sich einigermaßen leben lässt. Aber wir wollen versuchen, auf den letzten Meter noch ins Konstruktive umzulenken.

Aus meiner Sicht die einzige Option und zugleich Schritt 2: Die Dinge sportlich sehen.

Nun habe ich also ein paar persönliche Problemfelder herausgearbeitet, in denen ich mit ein bisschen Aufwand und Disziplin eine ökologisch nachhaltigere Figur machen kann. Alles auf anzugehen wäre aber sicher eine Überforderung. Je mehr wir uns auf einmal vornehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir scheitern und resignieren. Am besten man sucht sich von der Liste für den Anfang das aus, bei dem eine Verhaltensänderung vermeintlich am leichtesten fällt. Dann sollte man neue Verhalten (z.B. Öffis statt Auto) erst einmal eine Weile einüben, ehe man sich dem nächsten Punkt auf der Liste stellt.

Wenn es uns dann noch gelingt, eine spielerische Herausforderung aus dem Vermeiden der kleinen ökologischen Alltagssünden zu machen, kann das sogar Spaß machen. Und zwischendurch darf man dann schon auch mal ein bisschen stolz sein, wenn es einem gelingt, kleine Schritte auf das eigene öko-moralische Gewissen zuzugehen. Nach ein paar Monaten kommt man dann eventuell an einen Punkt, an man seinem Kind authentisch etwas über begrenzte Ressourcen und der Verantwortung jedes Einzelnen für den Erhalt einer lebenswerten Umgebung erzählen kann. Und mit ganz viel Glück hört einem das Kind dann auch noch zu. Viel Spaß!

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Bildnachweis: Doris Reinecke, Karin Behrens