Nachwuchs bekommen während einer Pandemie

von | 20. November 2020 | Eltern werden, Eltern sein, Miteinander leben, streiten, wachsen

Vorbemerkung: die Teile, die ich über die Schwangerschaft und die Geburt schreibe, können wie “Mansplaining the pregnancy” wirken. Dies ist nicht meine Intention und zum Glück auch nicht der Fall. Meine Freundin bloggt hier einfach nicht, aber die Inhalte zu diesen Punkten sind ihre.

Mein Sohn Mika ist Anfang September auf die Welt gekommen. Eine etwas seltsame Version der Welt, das kann man wohl ohne Zweifel behaupten. Ihm scheint das zum Glück nichts auszumachen, er ist gesund und lacht sozial wie ein Großer. Der Weg dahin, dass es allen gut geht, war aber anstrengend. Aber eins nach dem anderen.

Als uns klar war, dass wieder Nachwuchs ins Haus steht, ist die Welt noch so normal wie wir sie kennen. Leute gehen feiern, umarmen sich. Es wird Besuch empfangen und es werden Getränke geteilt. Meldungen von Fledermäusen am anderen Ende der Welt sind Randnotizen. Als die Pushnachrichten am Handy langsam mehr werden, die Fallzahlen steigen und sich alle fragen, wie damit umgegangen werden kann, haben wir noch eine besondere Sicht auf die Situation: was bedeutet eine Schwangerschaft während einer Pandemie?

Die erste Kontaktbeschränkungsphase ist rückblickend eigentlich noch am einfachsten. Wenn wir wie alle anderen niemanden treffen dürfen, spielt auch der neue Nachwuchs keine gesonderte Rolle. Klar haben wir Sorge, aber vermutlich ist diese der Sorge der anderen recht ähnlich. Als dann aber Stück für Stück wieder gelockert wird, haben wir das Gefühl, dass es irgendwie alles etwas zu schnell geht. Dass unsere Freunde zu viele Leute treffen. Die Einsicht, dass unsere eigenen Maßnahmen nur so gut sind wie die Maßnahmen unseres Kontaktes, der am nachlässigsten verfährt, dauert ein wenig, bestimmt dann aber unser Handeln.


Und so sind wir die Schwangerschaft über immer ein wenig vorsichtiger als die meisten Leute um uns herum. Tilda lernt als allererstes das Fahrradfahren. Später, als die Spielplätze wieder aufmachen, darf sie sich mit ihrem besten Freund treffen, aber wir treffen ihn zunächst nur im Freien. Handwerker, die ganz ausnahmsweise gerade ihren Mund-Nasen-Schutz im Auto vergessen haben, müssen zuerst leider nochmal zum Auto zurück, später haben wir eine kleine Menge von Einwegmasken für Vergessliche. Was, wirklich, brauch ich des bei Euch?« – »Ja, brauchen Sie. Meine Freundin ist hochschwanger«. Gegen diese Tatsache wurde nicht weiter gegendiskutiert, auch wenn sie nicht der einzige Grund war, warum wir darauf bestanden haben.

Das »Umarmungsparadoxon«
Nach und nach ist mir etwas klar geworden, was ich »Umarmungsparadoxon« nennen möchte.

1. Wer mich umarmen will, nimmt die Distanzregeln wohl nicht so recht ernst.
2. Also möchte ich diese Person nicht umarmen.
3. Umarmen möchte ich nur Leute, die die Distanzeregeln ernst nehmen.
4. Wenn ich jedoch jemanden umarmen möchte, trifft für mich Regel 1 zu und die Person sollte mich lieber nicht umarmen.
Das gleiche gilt für Masken. Gerade bei den Leuten, die Fragen, ob eine Maske nötig ist, ist sie absolute Pflicht.

 

Die Zielgerade und darüber hinaus

Als die Wehen einsetzen, haben wir es geschafft: eine komplette Schwangerschaft während einer Pandemie ohne Ansteckung. Okay, einen Test gab es mal, aber die erhöhte Temperatur hielt nur eine Stunde an. Nach einer Weile im Geburtshaus landen wir zur Entbindung im Krankenhaus, wo uns die Coronaregeln mit voller Wucht treffen. Meine Freundin muss die gesamten Wehen durch einen Mundschutz tragen. Naja, letztendlich kommt Mika gesund auf die Welt und wir feiern alleine aber ausgiebig, dass wir das so gut hinbekommen haben. Wir nehmen uns vor, dass wir uns ab jetzt natürlich weiterhin an die gegebenen Regeln halten, aber unsere eigenen, zusätzlichen Beschränkungen fallen lassen. Vielleicht wird sogar mal wieder jemand umarmt?

Ein paar Wochen später steigen die Fallzahlen wieder und wir stellen uns vor, wie ätzend alleine schon Quarantäne wegen eines risikoreichen Kontakts wäre. Meine Freundin mit den Kindern in der Bude und ich heimarbeitend am Schreibtisch. Vielleicht zwei Wochen lang.

Unsere zusätzlichen Beschränkungen werden wohl noch ein wenig bleiben.

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Bildnachweis: Rawpixel, Wolfgang Riedl