„Man muss sich zusammensetzen, um sich auseinandersetzen zu können!“

von | 15. Mai 2019 | Miteinander leben, streiten, wachsen

Kaum ist der Muttertag vorbei und die ersten Blumen welken, ist es an der Zeit, allen anderen Familienangehörigen auch Aufmerksamkeit zu schenken. Das muss nicht unbedingt durch die Blume sein; dass einem aber etwas blühen kann, ist bei dem schicksalshaften Datum an diesem Mittwoch allerdings zu befürchten.

Warum wohl hat man ausgerechnet den 15. Mai zum „Internationalen Tag der Familie“ auserkoren?

Es könnte daran liegen, dass Familie nicht immer nur mit Friede, Freude, Eierkuchen, sondern oft auch mit Frechheit, Frust und Eiertanz zu tun hat. Wenn nicht gar schlimmer! Man muss nur in der Historie blättern, um zu sehen, wie hysterisch in Familien schon immer agiert worden ist. Am 15. Mai hat der übel riechende und übellaunige englische König Heinrich VIII. beispielsweise seiner Familie übel mitgespielt und Frau mitsamt Schwager zum Tode verurteilt. Okay, das ist fast ein halbes Jahrtausend her, um genau zu sein war es 1536. In der kollektiven Erinnerung und den Geschichtsbüchern blieb es wohl als Mahnung, was passieren kann, wenn man Familienangehörige auszutricksen versucht, zumal wenn einer davon auch noch unangefochtener King sein will. Apropos Trick: Im Trickfilm lief es seit Anbeginn der bewegten Bilder auch nicht sehr viel besser mit den Beziehungen: Am 15. Mai 1928 erschienen erstmals Micky Maus und Minnie Maus auf der Leinwand – im Film Plane Crazy von Walt Disney. Und Minnie hätte da schon allen Grund gehabt, sich im falschen Film zu fühlen. Die beiden unternahmen einen gemeinsamen Ausflug – im wahrsten Sinne des Wortes mit einem kleinen Flugzeug. Als sich Minnie gegen Küsse von Micky zur Wehr setzt, schmeißt der sie aus dem Flugzeug, wohlgemerkt nur, um sie nach ein paar Loopings wieder auffangen und überrumpelt küssen zu können.

Müssen aber wirklich erst die Fetzen fliegen, damit der andere merkt, dass man auf ihn fliegt?

In diesem Zusammenhang sei noch am Rande erwähnt, dass am 15. Mai auch das Maschinengewehr zum Patent angemeldet worden ist, anno 1718 schon! Auf die Familie übertragen: Hat man zuvor schon einen Schuss, ist man nun quasi ständig geladen. Vielleicht fühlt sich die Politik deshalb verpflichtet, die Familie unter den besonderen Schutz des Staates zu stellen. Die Familie ist immerhin das Herz der Gesellschaft. Da ist immer Blut mit im Spiel!

Wenn Sie jetzt aber befürchten, dass es in meinen ausschweifenden Ausführungen über die Familie nur blutrünstige Gedanken gibt, kann ich Sie beruhigen: Ich möchte ein Loblied auf die Familie anstimmen, genauso wie die UN-Generalversammlung, die mit der Erklärung des 15. Mai zum Welttag der Familie ein Zeichen für die Bedeutung von Familien für die Gesellschaft setzen und deren Schutz und öffentliche Anerkennung fördern wollte. Familie ist ja viel mehr als nur Eltern oder Elternteil und Kind bzw. Kinder. Diese allerkleinste Einheit nennt man übrigens Kernfamilie; – weil man sich da schon die Zähne ausbeißen kann. Goethe spricht in seinem „Faust“ ja von des Pudels Kern, obwohl ein Pudel ja gar keinen Kern hat. Aber wahrscheinlich kam es Goethe wie jeder Kernfamilie in den Sinn: Irgendwie und irgendwann kommt man immer auf den Hund.

Es muss aber gar kein Hundeleben sein, wenn es um Familie geht.

Ganz im Gegenteil! Familie ist Gemeinschaft. Und damit meine ich nicht etwas Gemeines, das einen schafft, sondern Geborgenheit, Wärme und Liebe. Und, wie ganz oben schon angemerkt, manchmal auch das Gegenteil. Vor allem, wenn alles mal zusammenkommt, also Großeltern, Onkeln und Tanten, Neffen und mit Nichten auch entfernte Verwandte, die meist deshalb ‚enfernt‘ heißen, weil man sie aus den Einladungslisten für große Familienfeste schon längst entfernt hat. Denkt man dann noch an den anhänglichen Anhang bei Patchwork- und Adoptivfamilien, weiß man, worum es geht: Um gemeinsames Erziehen, auch wenn es erdrückend ist. Und das ist das Wertvolle für uns alle: Können wir uns überall sonst im Leben aus dem Staub machen oder aus der Affäre ziehen, indem wir Freundschaften kündigen, nur noch in Filterblasen mit Gleichgesinnten kommunizieren oder den Kopf einfach in den Sand stecken, geht das bei der eigenen Familie nicht. Die Sippschaft kann man sich nicht aussuchen. Die hat man immer an der Backe. Also sollte man aus reiner Selbst- und Nächstenliebe auch die andere hinhalten, statt alle terminlich hinzuhalten. Auch sich taub zu stellen nützt nix! Denn wie der Philosoph Jürgen Habermas nicht unerwähnt ließ: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Auch wenn man der Familie den Rücken zuwendet, ist das eine Botschaft, die alle verstehen. Zum Beispiel so, dass die einen mal den Buckel runterrutschen können.

Es ist aber sowieso viel vernünftiger, Gesicht zu zeigen und sich dem Sinn oder Unsinn familiärer Kommunikation auszusetzen, auch wenn man sich dann wie ein Aussätziger fühlt. Hier prallen Meinungen und Gemeinheiten, Ansichten und Absichten, Denkwürdiges und Dummheiten so unverblümt aufeinander, dass es eine rare Reue ist, äh, eine wahre Freude natürlich. In diesem Mikrokosmos von Stimmungen und Strömungen sowie Vorurteilen und Vorteilsnahmen hat man die Gelegenheit, Demokratie zu üben und Konsens zu erzielen, zumindest Kompromisse zu finden.

Man lernt dabei schnell: Wer laut draufhaut, der vergrault nur, wer weise und leise argumentiert, der gewinnt.

Der Welttag der Familie ist somit eine wunderbare Gelegenheit, zu diskutieren, welche Rolle die Familie in der Öffentlichkeit überhaupt spielt, wie sich Gesellschaft ändern muss, wo Gesetze angepasst werden sollten. Man sollte aber nicht nur die Politik in die Pflicht nehmen, sondern sich selbst: Arbeitenden Müttern, allein erziehenden Elternteilen, pflegebedürftigen Eltern kann jeder helfen, auch im Kleinen.

 

 

Ein gutes Wort, ein Dankeschön, ein Liebesgruß, ein bisschen mehr Verständnis für quengelnde Kinder und drängelnde Jugendliche, weniger Flüche über Fahrräder und Kinderwägen im Treppenhaus, das könnte man sich alles vornehmen. Und bevor Sie bei der Frage nach der wirkungsvollsten Familienunterstützung mit ihrem Latein am Ende sind, sollten Sie nicht vergessen, dass das Wörtchen Familie aus dem Lateinischen abgeleitet ist von „famulus“, was soviel wie Diener bedeutet. „Familia“ ist also die Gesamtheit der Dienerschaft. Deshalb hört man das auch so oft von Familienangehörigen: „Danke, ich bin bedient!“

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Bildnachweis: Oliver Tissot