Leben in einem Generationen übergreifenden Wohnprojekt

von | 10. April 2019 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Gemeinschaftlich leben unter einem Dach mit Alt und Jung, Groß und Klein, Menschen mit und ohne Behinderung, mit gebürtigen Nürnbergerinnen und Nürnbergern und Zugezogenen aus vieler Herren Länder, – kann das überhaupt funktionieren?
Diese und weitere Fragen haben wir Jochen Kapelle gestellt, dem Geschäftsführer der WIN GmbH und Mitglied des Vorstands des Vereins „Wohnen und INtegration im Quartier e.V. (WIN e.V.)“. Die WIN GmbH ist Eigentümerin und Vermieterin des Generationen übergreifenden Wohnprojekts in der Marthastraße, Nürnberg, mit 62 Wohnungen. Der WIN e.V. errichtet zurzeit in der Marien-/Flaschenhofstraße ein weiteres Generationen übergreifendes Wohnprojekt mit 35 Wohnungen, das Ende des Jahres 2019 fertiggestellt werden soll. Herr Kapelle wird selber als Mieter in das neue Wohnprojekt einziehen.

Herr Kapelle, wie sieht das Generationen übergreifende Wohnen in den Wohnprojekten des WIN e.V. und der WIN GmbH aus?

Es gibt einige Regeln, die von der WIN GmbH als Vermieterin für das Projekt in der Marthastraße vorgegeben wurden. Damit wirklich eine Mischung aus Jung und Alt unter einem Dach lebt, sollen von den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Drittel junge Menschen unter 40 Jahren sein, ein Drittel mittelalte Menschen zwischen 40 und 60 Jahren und ein Drittel ältere Menschen über 60 Jahren.

Eine zweite sehr wichtige Regel ist die, dass nicht die Vermieterin, also die WIN GmbH, sondern dass die Bewohnerinnen und Bewohner neue Mieter auswählen. Warum wird das so gemacht? Weil die Bewohnerschaft ja solidarisch zusammenleben und sich gegenseitig helfen und unterstützen soll. Und das geht natürlich am besten, wenn sich die Bewohnerinnen und Bewohner sympathisch sind. Sie leben ja schließlich zusammen und müssen miteinander auskommen. Dieses Prinzip, dass die Mieter die Nachmieter auswählen, hat sich aus meiner Sicht bislang sehr gut bewährt. Das verhindert zwar nicht, dass es auch mal Konflikte untereinander gibt. Aber diese Konflikte werden von der Bewohnerschaft selbst gelöst. Dafür gibt es einige Menschen im Projekt, die sich für Lösung von Konflikten qualifiziert haben und für die Moderation von Konflikten zur Verfügung stehen.

Dann ist es auch so, dass die Bewohnerschaft vieles, was in anderen Mietobjekten von Dritten durchgeführt wird, selber organisiert, zum Beispiel die Gartenpflege, Hausmeisterdienste, die große und die kleine Hausordnung und viele, viele andere Sachen. Das spart einerseits Geld; andererseits – und das ist der wichtigere Teil – stärkt die Organisation und Durchführung gemeinsamer Aufgaben die Gemeinschaft und führt zu erhöhter Achtsamkeit. Das Wohnprojekt wird von den Bewohnern weitgehend selbst verwaltet.

Das neue Wohnprojekt in der Marien-/Flaschenhofstraße hat mehr oder weniger das gleiche Konzept, aber es wird natürlich anders gelebt. Ein derartiges Konzept wird durch die Menschen bestimmt, die sich dort engagieren. Von den 35 Wohnungen sind jetzt bereits 25 belegt, und wir haben schon sehr viele junge Menschen mit insgesamt 15 Kindern. Es gibt sehr viele junge Familien, die das Projekt sehr lebendig und kraftvoll mittragen. Momentan fehlen uns eher noch Menschen in der mittleren Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren.

Weshalb kann eine solche Wohnform auch für junge Familien eine gute Wahl sein?

Dafür gibt es mehrere gute Gründe. Einerseits – und das gilt natürlich auch für die älteren Menschen – ist ein offener Austausch zwischen jungen Leuten, die voller Dynamik in die Welt hinausstürmen, und den Älteren, die bereits ein bisschen gesetzter sind und ihre Erfahrungen mit einbringen können, ein Gewinn für alle Beteiligten. Das ist wie in einer Großfamilie oder Dorfgemeinschaft. Es kommt natürlich darauf an, einander zu respektieren und zuzuhören. Und ich habe das Gefühl, dass dies in unseren Projekten tatsächlich der Fall ist.

Ein weiterer großer Vorteil ist, dass die Kinder in einer harmonischen Gemeinschaft aufwachsen. Für die Eltern der Kinder sind damit einige Erleichterungen verbunden. So können ihre Kinder auch mal von älteren Menschen betreut werden, zum Beispiel, wenn die Eltern krank sind oder etwas bei Behörden erledigen müssen oder wenn ein Kind früher aus der Schule kommt und die Eltern noch nicht zu Hause sind. Das ist eben das Schöne daran: Wir lernen uns alle kennen, Jung und Alt, und es wird ein Vertrauen aufgebaut, das dazu führt, dass die Eltern ihr Kind bei den Älteren abgeben können und wissen, dass ihre Kinder dort gut aufgehoben sind.

Und die Kinder leben anders zusammen, als wenn sie in einem anonymen Hochhaus aufwachsen. Im frühen Miteinander lernen sie soziales Verhalten. Wir haben einen Gemeinschaftsraum, in dem zusammen gekocht, gebastelt, gemalt, gespielt wird und in dem Kurse wie Yoga stattfinden und Schulaufgaben beaufsichtigt werden können. Es ist die Lebendigkeit des Miteinanders, die dazu führt, dass die Kinder sich wohl fühlen und gut aufgehoben sind.

 

 

Wie kann ein gutes Zusammenleben von ganz unterschiedlichen Menschen auf Dauer gelingen?

Wir haben ja eine ganz bunte Besetzung unserer Häuser. In der Marthastraße haben wir 14 unterschiedliche Nationen. Und auch in der Marien-/Flaschenhofstraße haben wir schon Menschen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten. Da stoßen sehr unterschiedliche Denk- und Lebensweisen aufeinander. Wir haben im neuen Projekt zum Beispiel eine Familie, die sehr traditionell lebt und in der die Mutter und die Tochter ein Kopftuch tragen. Und wir haben auch Menschen, die keinerlei religiöse Bindungen haben und sehr frei von religiösen Regeln leben. Und es ist sehr lebendig, diese ganze Gemeinschaft, die sehr unterschiedlich ist und gerade dadurch, dass sie zusammengefunden hat, sehr spannend ist. Es macht einfach Spaß und ist bereichernd, mit diesen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzuleben.

Für das gegenseitige Kennenlernen organisieren wir am 1. und am 3. Sonntag eines Monats ein sogenanntes Plaudertreffen. Da setzen wir uns bei Kaffee, Tee und Kuchen zwanglos zusammen, wechseln auch öfter mal die Tische, so dass jeder mit jedem ins Gespräch kommt. Jeder lernt jeden kennen und schätzen. Man isst zusammen, trinkt zusammen, beschäftigt sich mit den Kindern – es ist wie in einer Großfamilie, sehr harmonisch, sehr, sehr interessant und kurzweilig.

Eine wichtige Zauberformel für das Miteinanderleben und das gute Auskommen ist für mich das gemeinsame Tun. Wenn zum Beispiel ein Garten gemeinsam gepflegt wird, das Treppenhaus gemeinsam geputzt wird, gemeinsame Unternehmungen durchgeführt werden, dann stärkt das die Gemeinschaft. Die gemeinsamen Pflichten, die die Menschen dort freiwillig übernehmen, vertiefen das Miteinander und lassen Vertrauen wachsen.

 

In dem Generationen übergreifenden Wohnprojekt in der Marien-/Flaschenhofstraße sind noch nicht alle Wohnungen vergeben. Am gemeinschaftlichen Wohnen Interessierte finden unter www.wingmbh.de weitergehende Informationen.

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Bildnachweis: Sigrid Müllenhoff