Kleine Kinder und die Macht der Musik

von | 5. August 2019 | Freizeit!!!, Miteinander leben, streiten, wachsen

Als Musiker hatte ich schon vor meinem eigenen Kind großes Interesse daran, Kindern die Musik näher zu bringen und schmackhaft zu machen. So habe ich beispielsweise einem mir sehr nahestehenden Kind viel zu früh ein Glockenspiel und eine Ukulele geschenkt und war dann ein wenig traurig, dass es an Weihnachten nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die ich mir erhofft hatte. Aber so etwas kann einem eben passieren, wenn die Fantasie mit einem durchgeht. Ich kam mir ein wenig vor wie ein Tennis-Vater, der sein Kind (oder in diesem Beispiel nicht einmal das eigene Kind, sondern das Kind eines Freundes) viel zu früh auf den Platz schickt.

Eine kleine B-Seite

Bei meiner Tochter wollte ich diesen Fehler dann nicht machen. Nicht überfordern, nicht zu viel zur Musik drängen. Musik war für sie ganz automatisch immer da. Bei uns zuhause lief zunächst immer das, was wir Eltern sowieso laufen ließen und in der KiTa lernte Tilda ganz schnell einen ganzen Katalog von Liedern kennen. Manche davon kannte ich, viele nicht. Oft musste ich nach wenigen, nicht immer präzise aufgezählten Schlagwörtern googlen. “Frosch quak Kinderlied”, “Auto brumm Kinderlied”. Lied anspielen und entweder Tanz oder Entsetzen ernten. Zwischenzeitlich wurde das Singen bei ihr ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass alles in Butter ist. Laufrad – singen. Badewanne – singen. Einzige Ausnahme: anstelle Einschlafen – singen.

Um den zweiten Geburtstag herum schaltete ihr Musikinteresse dann in den nächsten Gang. Meine Freundin hat von ihren Eltern eine Rolf Zuckowski-Platte mitgebracht (Was Spaß macht), die wir mal aufgelegt haben, um zu sehen, wie Tilda darauf reagiert. Tilda hat sie registriert, sich aber keine weitere Begeisterung anmerken lassen. Über die nächsten Wochen kamen wir dann durch kein Frühstück, Mittagessen oder Abendessen, ohne die Platte mindestens einmal durchlaufen zu lassen. Manchmal musste auf der B-Seite angefangen werden (der Welthit Nackedei mit seltsam verstimmter Atmosphäre). Meistens aber nicht. Getanzt musste eigentlich immer werden.

Apropos Gang: aktuell suche ich eine Diskussionsstrategie, mit der ich zumindest ab und zu mal im Auto auch meine eigene Musik hören darf. Ich habe vieles probiert: wer lenkt, darf bestimmen, wir wechseln uns back-to-back ab. Keine Chance. Wenn es nicht Tildas Musik ist, lautet der Dauerkommentar: “Kinderlieder!”. Ich kann sie verstehen, ich höre ja auch am liebsten meine Musik.

Instrumente

Ans Klavier habe ich mich mit Tilda schon früh gesetzt. Anfangs war sie in erster Linie vom Hoch- und Runterklappen des Notenhalters fasziniert. Schritt für Schritt wurden dann aus recht rabiaten Schlägen etwas kontrolliertere Tastendrücker. Ab und zu darf ich ihr ein Lied vorspielen, aber meistens will sie alleine spielen. Ich glaube, der Moment des Klavierspielens wird noch ein wenig brauchen.
Welches Instrument mich hingegen völlig überrascht hat ist die Mundharmonika. Ein guter Freund, der bei einem Spielzeughersteller arbeitet, hat uns unter anderem eine kleine Kindermundharmonika geschenkt. Ich hatte eigentlich wenig Hoffnung, dass diese großen Anklang finden würde, doch wurde ich eines besseren belehrt. Tilda hat keine fünf Minuten gebraucht, um begeistert Töne aus ihr rauszubringen. Und das Tolle an diesem Instrument: die Harmonie ist eingebaut. Jedes Pusten oder Einatmen klingt passend zu allen anderen Tönen. Vielleicht ist dieser eingeschränkte, automatische Wohlklang das Geheimnis. Sie hat inzwischen schon eine schöner klingende aus Metall bekommen, die sie auch sehr gerne spielt.

 

 

Entwicklung und das Erleben

Ans Herz legen kann ich allen, Kinder mit zu Livemusik zu nehmen. Bei Bedarf Gehörschutz anlegen und das Erleben von Konzerten und Festivals als etwas ganz Normales vorstellen. Manchmal klappt es besser, manchmal schlechter und manchmal ist ein lustiger Hund auf der Seite viel interessanter als die Band auf der Bühne. Aber ich glaube, dass das Gefühl, dass überall Musik ist, jedem Kind guttut.
Und beim Musik machen lohnt es sich in allen Fällen, Geduld zu haben und dem Kind die Zeit zu geben, sich selbst ein Bild darüber zu machen, was Spaß macht. Ansonsten kann wohl das Gefühl aufkommen, es muss etwas tun, worauf es gar keine rechte Lust hat, und dafür ist im Leben noch mehr als genug Zeit.

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Bildnachweis: Wolfgang Riedl