Interkulturelle Ehe – Zwischen Rinderrouladen und Duram

von | 5. Oktober 2020 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Anna und Lamin sind seit mehr als 3 Jahren glücklich verheiratet. Und das mit einer Besonderheit, die sie gegenseitig wachsen lässt, aber auch herausfordert: Anna ist in Deutschland aufgewachsen und Lamin in Gambia.

„Ich merke, dass ich noch einiges von der afrikanischen Kultur lernen kann, vor allem, was die Gelassenheit angeht.“, beginnt Anna lachend, „In meiner Kindheit wurde alles geplant – wohl ein deutsches Klischee – und jetzt merke ich, wie gut es tut, auch einfach mal den Tag auf mich zukommen zu lassen.“

Der 22-jährige Lamin fügt erklärend hinzu: „In Gambia gibt es keine Pünktlichkeit, da kommt man eben, wenn es einem passt. Ich muss aber zugeben, dass mir hier in Deutschland die Genauigkeit bei der Arbeit und die Pünktlichkeit bei Terminen sehr gut gefällt. Bei Verabredungen mit Freunden bevorzuge ich dann aber doch die Spontanität, das kriegt man wohl nicht mehr aus mir raus. “

„In unserer Ehe, unserer Wohnung, bei unseren Freunden, dem Essen, bei Festen, Kleidern und der Musik spielt sowohl die deutsche als auch die afrikanische Kultur eine große Rolle. Wir ergänzen uns meiner Meinung nach gut: Ich mag zum Beispiel die fränkische Küche sehr gerne. Wenn ich genügend Zeit habe und koche, dann am liebsten Rinderrouladen. Wenn Lamin kocht, dann gibt es meistens typisch gambisches Essen: Durum, Domada oder Benachin. Ich finde es so schön immer wieder etwas Neues kennenzulernen.“, erklärt mir die 24-jährige Anna, „Besonders, wenn wir über unsere Familienplanung sprechen, ist uns einfach unheimlich wichtig, dass wir neben der deutschen Kultur auch die afrikanische Kultur weitergeben.“


„Dadurch, dass wir so unterschiedlich aufgewachsen sind und so unterschiedliche kulturelle Einflüsse erlebt haben, mussten wir natürlich erstmal unsere jeweiligen Vorstellungen von Partnerschaft, Zusammenleben und unserer Zukunft kennenlernen. Im Nachhinein kann ich aber gar nicht mehr genau sagen, wie wir das gemacht haben“, fährt Anna fort.

„Ich glaube das kam automatisch mit dem gegenseitigen Kennenlernen von uns als Personen. Ich denke, dass die Kultur ein fester Teil der Persönlichkeit ist. Wir mussten natürlich vergleichsweise mehr darüber sprechen und vielleicht auch ein paar Kompromisse eingehen, aber letztendlich waren unsere Vorstellungen da überraschend ähnlich“, so Lamin.

„Wo wir gerade beim Sprechen sind – das ist auch so eine Sache bei uns.“, fügt Anna lachend hinzu, „In Deutschland, das fängt ja schon beim Morgenkreis im Kindergarten an, reden wir immer viel über unsere Gefühle und Launen. Ich musste erst lernen, dass das nicht überall typisch ist. Lamin macht Probleme oder Sorgen eher mit sich selbst aus, es fällt mir zwar immernoch schwer das zu verstehen, aber ich nehme das natürlich so an. Wir versuchen uns da in der Mitte zu treffen.“

Lamin fällt eine weitere Herausforderung ein vor die sie als interkulturelles Paar gestellt wurden: „Zu Beginn war ich mit der Bürokratie hier in Deutschland überfordert, das kannte ich so nicht. Ich habe viele der Schreiben zunächst nicht verstanden und habe mich kontrolliert gefühlt. Auch den Kontakt zu den Behörden habe ich teilweise als problematisch empfunden, ich war sehr verunsichert zu dieser Zeit. Wir mussten viele rechtliche Hindernisse überwinden, das hat uns und unsere Beziehung anfangs sehr belastet“, erzählt Lamin nachdenklich, „Letztendlich hat uns aber auch das nur noch enger zusammengeschweißt, Anna hat mich unterstützt und immer wieder motiviert, sie war trotz allem optimistisch.“


Anna hingegen ist noch ein anderer Punkt wichtig: „Mich belastet es besonders, wenn ich mitbekomme, dass Lamin diskriminiert wird oder auf Rassismus stößt. Sei es strukturell, kulturell oder auch gesellschaftlich. Das passiert manchmal auch, wenn ich dabei bin. Zum Glück hatten wir aber keine Probleme mit Reaktionen von Angehörigen.“

Außerdem gibt sie den Tipp, dass, besonders wenn die Beziehung noch sehr neu ist oder die Partner noch in unterschiedlichen Ländern sind, Facebook-Gruppen für binationale Paare zum Austausch von Erfahrungen oder zur Hilfestellung bei Problemen sehr hilfreich sein können.

Abschließend sagt Lamin: „Ich bin sehr froh, Anna hier in Deutschland kennengelernt zu haben und mit ihr hier meine Ehe zu führen. Die Frauen haben hier viel mehr Rechte und ich kann trotzdem afrikanische Musik hören und traditionelles Essen kochen. Wünschen würde ich mir aber manchmal mehr Offenheit von anderen, gegenüber anderen Kulturen, anderen Religionen oder einfach gegenüber einer etwas anderen Ehe.“

Auf der Homepage des Bündnisses für Familie findet Ihr auch fremdsprachige Informationen zur Orientierung in Nürnberg und rund um die Themen Integration und Migration:
https://www.nuernberg.de/internet/buendnis_fuer_familie/fremdsprache.html

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Bildnachweis: Magdalena Groskurth