„Denn Familie sind wir trotzdem“, so der Titel eines vielschichtigen Romans der Nürnberger Autorin und Psychotherapeutin Heike Duken. Es ist die Geschichte von Floh, die bei ihrer alleinerziehenden Mutter Ina aufwächst, ohne ihren israelischen Vater kennen zu lernen. Es ist die von Inas Vater Paul, der im Nationalsozialismus bei seinem Onkel aufwuchs, während die Eltern mit ihrem Schiff die Welt bereisten. Eine Geschichte von Schuldfragen und vom Leiden an der Vergangenheit, aber auch vom Suchen junger Menschen nach ihrem eigenen Lebensentwurf und einer gerechteren Gesellschaft. Die junge Floh, mittlerweile selber schwanger, stellt sich den Schatten über ihrer Familiengeschichte und der Frage, was Familie trotz allem zusammenhält. Für den Familienblog geht Heike Duken auf einige Fragen zu ihrem Roman ein.

 

Frau Duken, Ihr Roman begleitet Figuren aus drei Generationen und die Geschichte einer Familie, mit ihren Brüchen, ihrer Tragik, aber auch ihrer Lebendigkeit. Gab es einen konkreten Auslöser, der Sie dazu bewegt hat, ein Buch zu schreiben, in dem viel von Ihrer eigenen (Familien-)Geschichte steckt?

 

„Es gab vor allem einen Prozess, in dessen Verlauf ich mich mit dem früh verstorbenen Vater beschäftigte. Vieles wusste ich – zum Beispiel, dass er der Waffen-SS angehört hatte, aber auch von seiner inneren Umkehr und seiner Abwendung von nationalsozialistischen Gedanken. Vieles wusste ich aber auch nicht: Hatte er sich schuldig gemacht? War er als junger Mann ein Mörder gewesen? Als junges Mädchen sog ich Alles auf, was ich zu diesen Themen und zur Biographie des Vaters finden konnte.

Es gab aber tatsächlich auch einen Auslöser: Nach langen Recherchen stieß ich auf einen Großonkel von mir, einen Kinderarzt, der sich schuldig gemacht hatte bei der Ermordung von Kindern im Rahmen der sogenannten Euthanasie. Das war für mich sehr bewegend, denn bei diesem Großonkel war mein Vater aufgewachsen und er hatte viel von ihm erzählt.
Wenn mich etwas sehr umtreibt, so habe ich das Bedürfnis, darüber zu schreiben und so entstand der Wunsch, einen Roman zu schreiben.“

 

 

Immer wieder schimmert auch eine Frage auf, die viele Menschen aus ihrer eigenen Familie kennen: Soll und darf man ältere Familienmitglieder nach gemachten schlimmen Erfahrungen fragen, oder nach Taten, für die sie sich heute vielleicht schämen? Sollen und dürfen Ältere den Jüngeren ihre traumatischen Erlebnisse zumuten? Wie ist Ihre Haltung dazu?

 

„Schwierige Frage! Ich bin Psychotherapeutin und glaube an die Kraft des Sprechens. Aber es gibt Grenzen! In einer guten Beziehung ist es leichter, zu fragen, nicht `mit der Brechstange´, nicht bohrend. Wenn man sensibel fragt und Grenzen respektiert, dann sind Ältere oft froh, zu sprechen. Meine Erfahrung ist, dass bei älteren Menschen oft noch etwas im Inneren brennt, wo auch der Wunsch da ist, zu sprechen und wo das gelingen kann, wenn zum Beispiel die Enkel respektvoll nachfragen.

Es braucht aber umgekehrt auch den Respekt der Jüngeren, zu akzeptieren, dass manches nicht erzählt, nicht ausgesprochen werden kann, wenn ein Trauma zu groß ist – zum Beispiel von Holocaustopfern.
Schwieriger wird es, wenn es um Täterschaft geht: Ich finde, danach darf man fragen und auch, dass man Täter konfrontieren darf. Tut man es sensibel, wird man wohl eher Antworten bekommen.
Kompliziert wird es, wenn man in einer Familie eh nicht viel miteinander spricht. Kinder werden Eltern gegenüber oft nachsichtiger, wenn sie selber älter werden und Kinder haben. Es kann entlastend sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und das, was sie mitgebracht haben in die Eltern-Kind-Beziehung.“

 

Eine Alleinerziehende spielt in Ihrem Roman eine Rolle, aus deren Schilderung heraus sicherlich manche Frau etwas aus ihrem eigenen Alltag wiedererkennen wird. Ihre Tochter Floh macht sich später selber sehr viele Gedanken über die Abwesenheit des Vaters und die Frage „Will ich mein Kind ohne Vater großziehen?“. Begegnet Ihnen dies Thema – Auseinandersetzung mit „Vaterlosigkeit“ – häufiger in Ihrer psychotherapeutischen Arbeit?

 

„Sehr, sehr häufig tragen Menschen, die ohne Vater aufwuchsen, eine Last, sei es nach Trennung der Eltern oder auch in sogenannten `intakten´ Familien, in denen der Vater wenig präsent war und sich aus dem Familienleben heraushielt. Nach dem Krieg litten Kinder häufig unter Vätern, die sich emotional komplett enthielten und nicht erreichbar waren.

Ich sehe aber auch, dass es in unserer Gesellschaft noch einen viel zu defizitgeprägten Blick auf Alleinerziehende gibt – zum Beispiel durch die Schule. Dieser kritische Blick macht es Alleinerziehenden oft schwerer und übersieht, was sie Alles leisten.

Aber ich habe auch eine große Hoffnung, dass es eine neue Generation besser macht. Ich erlebe Väter, die viel präsenter sind als ihre eigenen Väter, und Mütter, die auch nach einer Trennung ganz selbstverständlich nicht allein sind mit der Erziehung ihrer Kinder.“

 

Neugierig geworden auf diese Familiengeschichte?
Heike Duken, Denn Familie sind wir trotzdem, Limes Verlag, ISBN: 978-3-8090-2729-4

 

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Bildnachweis: Recherche Limes Verlag, privat