Es geht uns gut. Die Kinder sind ausgezogen und gehen ihren Weg. Wir beide werden noch ein paar Jahre arbeiten, und haben viele Pläne für das Genießen der Zeit danach. Viel wandern wollen wir! Öfter reisen! In der Hausgemeinschaft sind wir Nachbarn prima darauf eingespielt, bei Abwesenheit wechselseitig die Katze zu füttern und Blumen zu gießen.

Das Verhältnis zu den Eltern war in den letzten Jahren entspannter geworden: Endlich kein Reinreden mehr in Erziehungsfragen („Muß der Jakob sich wirklich die Haare schwarz färben und Du lässt das zu -??“). Stattdessen hat sich bei ihnen Dankbarkeit dafür entwickelt, dass die Söhne den Großeltern jetzt als Ratgeber zur Bedienung von Seniorenhandy und Computer zur Verfügung stehen.

 

Gleichzeitig bahnten sich für meinen Mann und mich neue Verpflichtungen an. Die wachsende Gebrechlichkeit hochbetagter Eltern machte zunehmend Sorgen und sorgte für anstrengende Gespräche:

„Solltet ihr nicht mal die Teppichbrücken wegräumen, das sind doch echte Stolperfallen?“ „Wie wäre es, wenn ihr Euch einen Hausnotrufknopf organisiert, dann ist im Notfall immer schnell jemand bei Euch?“ „Wäre Essen auf Rädern nicht eine tolle Entlastung für Mama, die kaum noch in der Küche hantieren kann?“

Resultat: Die Teppichbrücken blieben liegen. Die Basisstation für den Hausnotrufknopf wurde widerwillig installiert. Der Hausnotrufknopf wurde an den Modeschmuckständer der Mutter im 1.Stock gehängt, weit weg von den Orten, an denen sie sich meistens aufhält. Essen auf Rädern wird nun geliefert und es schmeckt (gottseidank…).

Immer wieder tauchen neue Themen auf, die uns vor die Frage stellen: Mischen wir uns ein bei den Eltern oder lassen wir das `laufen´? Ist unsere Hilfe von Nöten oder schaffen die Alten das alleine? Es ist ein bisschen wie bei den Kindern, als sie noch zuhause waren. Aber es ist auch ganz anders, denn die Eltern-Kind-Rollen scheinen manchmal vertauscht. Das ist für alle Beteiligten schwierig. Wir wissen auch nicht, wie lange wir noch für die Eltern mitdenken dürfen oder müssen, das macht uns manchmal unruhig.

Immer wieder können wir nur neu darauf achten, dass der Kontakt zu den Eltern gut bleibt und dabei für uns selber sorgen! Dazu gehört auch, zu wissen, wer uns unterstützt und an wen wir „abgeben“ können.

Ich erzähl mal ein Beispiel:

Wir beenden entspannt einen schönen Sonntag und beschließen bei einem Glas Wein, mal in meinem Elternhaus anzurufen. Erst geht keiner ans Telefon. Dann ist es der Vater, der gehetzt in den Hörer ruft, er könne gerade nicht – er müsse die Mutter aufheben, sie sei in der Diele gestürzt. Ich: „Und wie geht es ihr? Hast Du den Notrufknopf gedrückt?“ Hat er nicht. Der hängt im ersten Stock am Modeschmuckständer. Der 88Jährige meint, die 88jährige Ehefrau wäre nur erschrocken, aber aufstehen könnte sie alleine nicht. Und er werde doch wohl in der Lage sein, ihr wieder aufzuhelfen!

War er nicht. Auf unsere dringende Bitte hin hat er dann doch den Hausnotrufknopf gedrückt und die gute Erfahrung gemacht, dass sehr schnell Hilfe kam. Wir hatten uns halsüberkopf ins Auto gesetzt und waren hingefahren. Als wir eintrafen, konnten wir uns einander erleichtert dazu beglückwünschen, dass alles nochmal gut gegangen war. Mutter war mit einer Prellung davongekommen und saß, etwas verwirrt, in ihrem Sessel.

Übrigens mußte sie leider erst ein zweites Mal, heftiger, stürzen, bevor der Hausnotrufknopf dann doch regelmäßig am Körper getragen wurde.

 

Wir konnten unseren Kindern nicht alle negativen Erfahrungen ersparen, wir werden sie auch unseren Eltern nicht ersparen können. Das müssen wir auch nicht.

Diese Erfahrungen waren wohl wichtig, um dann auch „Hilfe von außen“ bereitwilliger anzunehmen, zum Beispiel einen Pflegedienst ins Haus zu lassen.

Manchmal entlastet es uns ungemein, unsere Erfahrungen mit Bekannten zu teilen: Wie Viele unserer Generation doch vor ähnlichen Fragen stehen! Und manch guten Hinweis auf unterstützende Angebote haben wir so auch erhalten.

 

http://www.pflegestuetzpunkt.nuernberg.de/

https://www.nuernberg.de/internet/buendnis_fuer_familie/pflege.html

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