Gemeinsam Abschied nehmen

von | 28. Februar 2020 | Miteinander leben, streiten, wachsen

Abschied nehmen von Menschen, die wir lieben, ist eine der größten Herausforderungen, die das Leben für uns bereithält. Für viele von uns gibt es keine schlimmere Vorstellung, als ein Familienmitglied zu verlieren. Wie und ob man diesen Verlust verkraften kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Die Umstände des Todes – musste man wegen einer schweren Krankheit damit rechnen oder riss ein plötzlicher Unfalltod jemanden aus dem Leben – und natürlich das Alter des Verstorbenen – denn nichts scheint ungerechter als der Tod eines Kindes, während der Tod der Großeltern meist der natürliche Lauf der Dinge ist.

Natürlich ist jeder Todesfall und jede Familie unterschiedlich. Doch was uns allen in einer Verlustsituation helfen kann, ist zu wissen, dass man mit seiner Trauer nicht alleine ist. Gemeinsam Abschied zu nehmen schweißt zusammen. Unsere Familie hat das erleben dürfen.

Unsere Großmutter erhielt mit 75 Jahren die Diagnose Bauchfellkrebs. Nur ein halbes Jahr zuvor starb unser Großvater, den sie über viele Jahre daheim gepflegt hatte. Nach seinem Tod hatten wir die Vorstellung, unsere Oma könne nun noch einmal „richtig leben“, verreisen, etwas Neues ausprobieren. Eben alles, was zuletzt nicht mehr möglich war, weil sie sich Tag und Nacht um unseren Opa kümmerte. Das sollte ihr nun alles nicht mehr vergönnt sein – eine üble Schicksalswendung, wie wir fanden.

Die Ärzte schlugen eine Operation mit anschließender Chemotherapie vor. Da der Krebs schon stark gestreut hatte, waren die Heilungschancen gering. Zudem litt unsere Oma seit ihrer Geburt an einem Herzfehler. Man hatte ihr schon oft den nahenden Tod prophezeit, doch zum Erstaunen aller Ärzte hatte sie ihr Leiden bis ins hohe Alter überlebt. Nun wollte sie nicht auf einem Operationstisch sterben, sondern die verbleibende Zeit vollends auskosten. Sie entschied sich also gegen eine Behandlung. Ein drastischer Schritt, für den es viel Mut gebraucht hatte. Nach Aussage der Ärzte blieben ihr ohne Behandlung nur drei Monate.

Trotz des Schocks und der Trauer, die uns ab diesem Zeitpunkt befiel, hätte unserer Familie in dieser schwierigen Situation kaum etwas Besseres passieren können. Denn wir wussten nun, dass wir wenig verbleibende Zeit zusammen hatten und verschwendeten keine Sekunde. Nur wenige Tage später brachen wir mit unserer Oma zu einer letzten gemeinsamen Reise auf – ein Vorhaben, das sie schon seit Jahren gehabt hatte und „irgendwann“ einmal machen wollte. Irgendwann war jetzt.

Wir fuhren an den Gardasee. Ein Ort, nicht sehr weit entfernt vom oberbayerischen Wohnort meiner Oma, der aber doch in so weite Ferne gerückt war, weil sie trotz des festen Vorsatzes nie dort gewesen war. Meine Oma wollte eine ihrer ältesten Freundinnen nochmal besuchen. Wir trafen uns in Bardolino, was wir in der Nebensaison beinah komplett für uns allein hatten. Es gab nicht viel zu tun, außer zusammen zu sitzen und zu reden. Oft gab es auch nichts zu sagen und jeder saß verstreut im Raum, hielt ein Schläfchen, las ein Buch oder dachte einfach über das Leben nach. Jeden Abend gingen wir groß Essen – Pizza, Pasta, Wein – denn mit Essen lässt sich das Leben wahrlich feiern, vor allem mit italienischem.

In den darauffolgenden Wochen gab uns diese Reise viel Kraft, gerade als es unserer Oma immer schlechter ging. Wenn man weiß, dass jemand sterben muss, dann fühlt man sich wie in einem Raum-Zeit-Kontinuum. Das Leben geht zwar weiter, aber alles fühlt sich irgendwie unrealistisch an. Es hilft sehr, dieses absurde Gefühl teilen zu können. Diese Erfahrung hat unsere Familie nachhaltig verbunden.

1 Kommentar

  1. Liebe Julia, so sollte es sein.
    Wunderschön geschrieben.

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Bildnachweis: Julia Schultze