Im Leben kann es manchmal sehr wichtig sein, für das zu kämpfen, was man sich von Herzen wünscht. Ein Beispiel dafür, wie das gelingen kann, ist die folgende Geschichte einer alleinerziehenden Mutter aus Ecuador (Protokoll: Manuela Schmidt).

„Ich komme aus Ecuador und lebe seit 1990 in Deutschland. Ich hatte damals einen Partner, der schon in Deutschland gelebt hat. Er wollte, dass auch ich nach Deutschland komme. Für mich war klar, dass ich nur mit meinem damals vierjährigen Sohn aus erster Ehe nach Deutschland gehe. Mein Partner hat das dann akzeptiert, und als ich in Deutschland war, haben wir auch geheiratet.

Aber es war von Anfang an nicht leicht. Mein Mann war eifersüchtig auf meinen Sohn und hat mir vorgeworfen, dass ich zu fürsorglich bin und mich zu viel um ihn kümmere. Finanziell war es auch schwierig, weil er oft krank war und immer wieder operiert werden musste und dann nicht arbeiten konnte. Ich habe geputzt und ihm irgendwann vorgeschlagen, dass wir eine eigene Reinigungsfirma gründen könnten. In der Zeit wurde unsere Tochter geboren.

Mit der Firma war es aber nicht leichter. Wir haben mit der Zeit immer neue Aufträge bekommen. Mein Mann hat gesagt, dann muss ich eben mehr arbeiten, aber es war einfach zu viel. Ich habe von morgens früh bis abends spät gearbeitet.

Die Beziehung zu meinem Mann wurde mit der Zeit immer schwieriger. Meine Tochter hat sogar richtig Angst vor ihm gehabt und sich versteckt. Damals war sie 15 Jahre alt und ich habe beschlossen, mich von meinem Mann zu trennen. Er hat mich ausgelacht und gesagt, dass das gar nicht geht, weil wir nicht genügend Geld haben. Aber ich wusste, dass wir nicht zusammenbleiben können.
Es war sehr schwierig für mich, eine eigene Wohnung zu finden. Ich habe viele Absagen bekommen und ich habe mich auch gefragt, wie ich mit 500 Euro Verdienst eine Wohnung finanzieren kann. Und ich wollte kein Geld vom Staat annehmen, sondern selber für mich sorgen. Freundinnen haben mir geraten, mit meiner Tochter in das Frauenhaus zu gehen, aber das wollte ich nicht. Meine Tochter und ich konnten dann ein paar Monate bei einer Verwandten von meinem Mann wohnen. Mein Sohn, der zu der Zeit schon gearbeitet hat, hat mir angeboten, dass er mich finanziell unterstützt. Über eine Bekannte von ihm, die bei einem Wohnungsunternehmen arbeitet, habe ich dann tatsächlich eine eigene Wohnung bekommen. Das war wunderbar.

In dieser schwierigen Zeit habe ich mir bei einer Sozialpädagogin von der Beratungsstelle bei der Stadtmission Unterstützung geholt. Außerdem war ich bei einer Frauengruppe, die der Treffpunkt angeboten hat.

Ein ganz großer Wunsch von mir war, beruflich etwas anderes zu machen als zu putzen. Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht. Als ich wegen meiner Scheidung Dinge in Ecuador klären musste, habe ich dort beim Roten Kreuz einen Auffrischungskurs gemacht, also Spritzen geben, Infusionen legen und so Dinge.

Ich habe mich anschließend hier bei Altenpflegeheimen beworben, aber ich wurde immer abgelehnt, weil ich keine Berufserfahrung in der Pflege habe. Das habe ich vier- oder fünfmal erlebt. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, aber dann habe ich einem Mann davon erzählt, bei dem ich geputzt habe. Er hat selber in einem Pflegeheim gearbeitet und gesagt, ich soll ihm meine Bewerbungsunterlagen geben, er reicht sie weiter. Ich habe dann tatsächlich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Als ich vor der Tür vom Altenheim stand, war ich sehr aufgeregt. Ich bin dreimal rein- und wieder rausgegangen und dachte, es hat ohnehin keinen Zweck. Aber dann bin ich doch zum Vorstellungsgespräch gegangen. Und wie befürchtet wurde ich wieder nach meinen Berufserfahrungen gefragt. Da habe ich gesagt „Wie soll ich Berufserfahrung bekommen, wenn ich ohne Erfahrung nirgends arbeiten darf? Sie haben mit Ihrer Arbeit doch auch irgendwann mal angefangen. Bitte lassen Sie mich drei Tage ohne Bezahlung arbeiten. Dann zeige ich Ihnen, was ich kann.“ Sie haben sich darauf eingelassen und am nächsten Tag um acht Uhr war ich im Pflegeheim. Ein Pfleger hat mir gezeigt, wie man die Patienten wäscht und kämmt und ich dachte mir, o.k., das kann ich. Als er dann weggerufen wurde, habe ich einfach mit der Arbeit weitergemacht und als er wiederkam, hatte ich schon zwei Patienten versorgt. Nach 2 Stunden wurde ich in das Büro vom Chef gerufen. Ich dachte, ich habe etwas falsch gemacht und muss jetzt gehen. Aber dann hat er mir gesagt, dass sie mich befristet für ein Jahr einstellen wollen. Ich konnte das gar nicht glauben – ich hatte tatsächlich eine Stelle als Altenpflegehelferin und das nach zwei Stunden Probearbeiten! Ich war wirklich sehr glücklich.

Nachdem mein Vertrag dieses Jahr im Dezember enden würde, bin ich nochmal zu meinem Chef gegangen und habe gefragt, wie es weitergeht. Er hat dann gesagt, sie würden den Vertrag auf jeden Fall um ein weiteres Jahr verlängern. Aber ich habe gesagt, dass ich schon älter bin und gerne mehr Sicherheit hätte. Er hat dann eine Befristung für zwei oder drei Jahre angeboten, aber ich habe gesagt: „Nein, ich möchte nicht, dass man mich in zwei oder drei Jahren rausschmeißt. Ich möchte einen unbefristeten Vertrag.“ Und den unterschreibe ich jetzt im August!

Es ist sehr wichtig, für das zu kämpfen, was man will. Dann kann man es auch erreichen.

Und ich möchte anderen Frauen sagen: „Lasst Euch nicht misshandeln, sorgt gut für Euch. Wenn es Euch gutgeht und wenn Ihr Euch selber liebt, dann könnt Ihr auch gut für Eure Kinder sorgen. Habt keine Angst. Auch wenn Ihr Euch gerade hilflos fühlt: Es geht alles im Leben. Gebt niemals auf oder glaubt, dass es zu spät ist, egal, wie alt Ihr seid. Wichtig ist, dass Ihr ein Ziel habt und nicht jemand anderes für Euch entscheidet. Ihr könnt das!“

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