Ganz lange weg in der Elternzeit

von | 20. April 2019 | Eltern werden, Eltern sein, Freizeit!!!, Miteinander leben, streiten, wachsen

Knapp ein Jahr nach Tildas Geburt nahm ich mir den zweiten Block Elternzeit. Da meine Freundin begeisterte Besitzerin eines Campingbusses ist, war schnell klar, was in dieser Zeit zu tun ist: sechs Wochen, weit weg, mit dem elf Monate alten Kind. Alles, was ich in dieser Zeit zwischen Südfrankreich und Madrid gelernt habe, ist sicherlich nicht auf jede Familie übertragbar. Bei manchen Dingen glaube ich aber, dass die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist.

Ganz wenig braucht’s zum Glück

Spielsachen sind schön und gut, aber wir haben überschätzt, woran Tilda wohl Spaß haben wird. Ich glaube, im Nachhinein hätten wir auf alles verzichten können bis auf diese beiden Dinge: Zum einen das achtseitige Pappbuch mit den Reimen über Zwerge – täglich gelesen, bei Sonnen- und Mondschein, zum Einschlafen oder einfach mal zwischendurch. Zum anderen die Plastikkisten, in denen wir all unsere Sachen gepackt haben, um sie leicht im Bus verstauen zu können. Diese Kisten ein- und auszuräumen, hat Tilda unendlich viel Spaß gemacht. Sie hat sich auch in sie reingesetzt, egal ob wir Wasser eingefüllt haben oder nicht. Die auf einem Aufkleber prangende Warnung, dass kein Kind in so eine Kiste gehört, haben wir ignoriert, natürlich darf ich das niemandem empfehlen.

Was Witziges zum Beißen im Mund haben, ein interessanter Hund, der besucht oder ein Käfer, der auf der Decke beobachtet werden kann, ist manchmal mehr als nur die halbe Miete. Wenn es dann noch Sand, Steine und Dreck im Überfluss gibt, fehlt es an nichts!

Im Nirgendwo und in der Großstadt

Ich habe gelernt, dass ich derjenige von uns dreien bin, dem Komfort und Infrastruktur am wichtigsten sind. Ohne Dusche und einen kleinen Laden mit dem Nötigsten werde ich schnell traurig. In diesem Punkt wäre Tilda eindeutig in der Lage gewesen, noch deutlich abgeschotteter zu hausen als ich. Auf einem Campingplatz, dessen Besitzerfamilie alle Eigenschaften echter Aussteiger erfüllt, war mein Komfortbedürfnis nicht mehr erfüllt. Tilda hat die Hunde gesehen und hätte es dort sicherlich wochenlang ausgehalten. Überschätzt die Ansprüche, die so ein kleines Kind hat, nicht. Auch von Freunden habe ich noch nie gehört, dass so ein kleines Kind nicht die Hippie-Ideen der Eltern mitgehen konnte. Aber auch Städte haben für uns unheimlich gut funktioniert. Klar sind elf Monate nicht die allerbeste Zeit für Museen, aber es ist ein tolles Alter, um zu beweisen, dass Sprachbarrieren einfach nicht existieren. Mit kontaktfreudigen Erwachsenen in der U-Bahn in Madrid hat sie sich genauso gut unterhalten wie mit allen Tieren, die sie getroffen hat.

Ganz anders und doch wunderschön

Zu guter Letzt gibt es noch einen wichtigen gelernten Punkt. Ich möchte ihn ohne Einschränkungen jeder Familie, die zum ersten Mal mit einem kleinen Wesen zwischen Baby und Kleinkind unterwegs ist, mitgeben: Alles, was ihr über Urlaub wisst, muss neu bewertet werden. Die Vermutungen, was einem Knirps im Urlaub Spaß bereitet, sind okay, aber absolut keine Garantie. Aber auch die Annahmen über die Erwachsenen werden neu aufgerollt. Die ersten zehn Tage verbrachten wir in einem wunderschönen Haus, vollgepackt mit unseren engsten Freunden, die Tilda auch alle schon vorher kannte. Bisher eine Kombination, die ich als Idealvorstellung eines Urlaubs gesehen hatte. Leider waren wir die einzigen mit einem so kleinen Kind. Auch hat Tilda in unserem Zimmer so schlecht geschlafen wie den ganzen restlichen Urlaub nicht mehr.

Unerwartet wurde dann Tilda in einer Nacht im Bus abgestillt, ebenso hat sie dort das Durchschlafen gelernt. Darauf hätte ich vorher nicht viel gewettet. Wir erklären es so, dass sie den Raum sehr geliebt und sich darin unheimlich wohl gefühlt hat. Vielleicht, weil sie sich mit ihrer damaligen Tollpatschigkeit ausnahmsweise ganz frei bewegen durfte. Der Bus bestand ja geparkt nur aus Bettenlager und gepolsterten Wänden. Und wenn wir dann zusammen mit offener Heckklappe die spanischen Kinder bis zwölf spielen gehört haben, hat Tilda unser wohliges Gemeinschaftsgefühl durch zufriedenes Schnarchen abgerundet.

Die Elternzeit war ein wichtiger Teil der Bindung, die sich zwischen Tilda und mir aufgebaut hat, da bin ich mir ganz sicher. Natürlich bräuchte es für den Beweis, wie so oft, ein Paralleluniversum. Aber die Zeit, die Tilda ganztägig mit der Mutter verbracht hat, mal für eine gute Weile aufzubrechen und zumindest einige Wochen lang Teil des Alltags zu sein, kann nur gut sein.

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Bildnachweis: Wolfgang Riedl