Fragt man zwei Essstäbchen, wer von ihnen die Gabel ist?

von | 16. August 2019 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Katrin und Bettina Degen bilden mit ihrer 11-monatigen Pflegetochter Julia eine sogenannte „Regenbogenfamilie“. Sie haben, gemeinsam mit anderen gleichgeschlechtlichen Elternpaaren, eine Regenbogen-Familiengruppe gegründet, die sich monatlich trifft. „Eigentlich hat fast jede größere Stadt mittlerweile so eine Gruppe“, erklärt Bettina Degen. „In Nürnberg war das überfällig und nach nur zwei Treffen waren wir schon 10 – 12 Familien, die diesen Treffpunkt nutzen.“
Hier können, wie bei jeder Familiengruppe, Erfahrungen mit den eigenen Kindern und dem Elternsein ausgetauscht werden. Hier ist aber auch Platz für die Erfahrungen, die nur Regenbogenfamilien machen, seien es Alltagssituationen in der Familie oder auch Diskriminierungserfahrungen, die es immer noch gibt.

Julia (deren Namen wir für diesen Beitrag geändert haben) kam mit 16 Tagen in den Haushalt der beiden Frauen. Die Situation ihrer leiblichen Mutter war so schwierig, dass das Jugendamt sich dazu entschloss, nach einer geeigneten Pflegefamilie zu suchen.
Katrin und Bettina Degen sind beide Sozialpädagoginnen und bringen für diese Aufgabe gute Voraussetzungen mit: „Wir wissen, dass Julias Mutter den Umgang mit dem Kind und dessen Rückkehr zu ihr einzuklagen versucht. Wir stellen uns auch darauf ein, dass die gerichtliche Entscheidung darüber auf sich warten lassen kann. Aber dem fühlen wir uns gewachsen und gehen davon aus, dass Julia auf Dauer bei uns bleiben wird.“

Dass das Paar überhaupt recht schnell und noch dazu ein so kleines Pflegekind in seine Obhut nehmen durfte, bezeichnen beide als „einen Glückstreffer!“

Gerne hätte Katrin eigentlich selber die Erfahrung einer Schwangerschaft gemacht. „Aber die Krankenkassen übernehmen bei lesbischen Paaren nicht die Kosten für eine künstliche Befruchtung. Wir selber hatten binnen 2 Jahren bereits 20 000 Euro für eine Kinderwunschbehandlung aufgewendet.“

Eine weitere Diskriminierung, die beide sehen, ist die Tatsache, dass nicht jede Klinik, die in Frage käme, gleichgeschlechtliche Paare zur Kinderwunschbehandlung annimmt: „Und die Co-Mutter hat zunächst keinerlei Rechte und muss das Kind erst adoptieren. Hier gibt es, neben anderen, eine Gesetzeslücke, die noch zu schließen ist“.

„Working Mom“

Katrin und Bettina Degen kennen, aus eigener Erfahrung und Gesprächen mit anderen, dass Außenstehende gegenüber Regenbogenfamilien oft noch in Stereotypen denken: „So, als müsste diejenige, die männlicher wirkt, auch stereotyp eine traditionell männliche Rolle ausfüllen. Dabei ist es eher so, als frage man zwei Essstäbchen, wer von Ihnen denn die Gabel ist!“
Entsprechend reagiert mancher/manche dann auch überrascht, dass die langhaarige Katrin die „Working Mom“ der Familie ist und die kurzhaarige Bettina Elternzeit genommen hat, um sich um Julia zu kümmern.

Jüngere Paare seien im Kreis der Regenbogenfamilien eher die Ausnahme, berichten die beiden: „Die meisten sind schon Mitte oder Ende 30, wenn sie Eltern werden. Aus den beschriebenen Gründen war es für sie ein langer, mühseliger Weg dorthin, den sie sich auch leisten können mussten.“

Katrin und Bettina Degen sind bereits 9 Jahre zusammen und fühlen sich als gefestigtes Paar

Das sei auch wichtig, erklärt Katrin, „denn ich lebe ja damit, mich ständig outen zu müssen – ob beim Kinderarzt oder auf dem Spielplatz – und kann nur hoffen, dass unsere Familiensituation positiv angenommen wird!“
Gefragt, wie denn Julia wohl ihre Mütter einmal ansprechen wird, wenn sie sprechen kann, können sich die beiden viele Möglichkeiten vorstellen: „Jedes Kind, jede Familie findet doch auch selber Namen für mehrere Omas, Opas, Stiefmütter oder Stiefväter.“

In Kindergärten und Schulen, auch in der Kinderliteratur müsste sich noch einiges bewegen, um über Regenbogenfamilien aufzuklären und Vorurteile aufzuweichen.
Auch durchaus in der eigenen Community der Schwulen und Lesben.
Kathrin und Bettina Degen bleiben in dieser Hinsicht weiter offen und aktiv, voll Zuversicht und Zuneigung für die kleine Julia. Der Kinderwagen, mit dem sie nach dem Interview den Raum verlassen, ist mit der Regenbogenfahne geschmückt: „Denn natürlich sind wir beim Christopher Street Day dabei!“

 

Die Regenbogen-Familiengruppe freut sich über weitere interessierte Familien
und trifft sich an jedem ersten Samstag im Monat von 14:00 – 16:00 Uhr in den Räumlichkeiten des Fliederlich e.V.
Sandstraße 1, 90443 Nürnberg.

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Bildnachweis: Doris Reinecke