In den zehn Jahren meiner Mutterschaft ist mir bewusst geworden, dass die wohl schwierigste Aufgabe darin besteht, im gleichen Tempo mitzuwachsen, in denen dem einst so hilflosen Kind kräftige Flügel zu wachsen scheinen und es sich mit jedem Tag etwas weiter vom Nest und dem sicheren Boden darin entfernt. Man muss das Hinterherschleichen lassen, wenn der Schulweg vertraut ist, und das Trödeln auf dem Heimweg aushalten. Fußball, Radfahren, Inlineskaten, die ersten Sportverletzungen, alles ganz normal, wir alle müssen da durch.

Die neue Sportart, die mein Großer seit über einem Jahr mit ungebrochener Begeisterung trainiert, ist sicher eine besondere Herausforderung für Eltern mit eher ängstlicher Natur. Für mich also eine kontinuierliche Übung. Im Parkour fliegen Menschen förmlich über Hindernisse, durch geöffnete Autotüren, über Hausdächer und Treppengeländer und perfektionieren die Körperbeherrschung bis zu einer für mich unbegreiflichen Geschmeidigkeit. Wikipedia weiß zu berichten: „Parkour bezeichnet eine Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des Körpers möglichst effizient von Punkt A zu Punkt B zu gelangen. Die Parkour laufende Person bestimmt ihren eigenen Weg durch den urbanen Raum – auf eine andere Weise als von Architektur und Kultur vorgegeben.“

 

Ich stelle mir vor, welche Wirkung ein solches Training auf das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, aber auch, wie bewusst einem die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit durch ganz praktisches Erleben werden. Wenn ich meinen Sohn dabei beobachte, wie jede Bank und jedes Geländer sich in ein Sportgerät verwandeln und gemeinsame Spaziergänge plötzlich voller Begeisterung begrüßt werden, sind mit einem Mal alle Vorbehalte wie weggeblasen. Die Lust an der Bewegung und am Lösen kniffliger Probleme ist dermaßen ansteckend, dass ich mich inzwischen selbst dabei wiederfinde, wie ich versuche, mit einem galanten Sprung durch die aufgestützten Arme auf einer Bank zum Sitzen zu kommen. Es macht einen riesigen Spaß, die Dinge einmal anders anzugehen. Währenddessen fühle ich mich zehn Jahre jünger, und auch, wenn ich mich am nächsten Tag um zwanzig Jahre gealtert fühle, ist die Begeisterung ungetrübt.

Auf der Übungsfläche im Nürnberger Burggraben tummeln sich an schönen Tagen Profis, Anfängerinnen und Anfänger aller Altersgruppen, die sich gegenseitig unterstützen und Mut zusprechen, sich Tricks zeigen, Bewegungsabläufe analysieren und gemeinsam Abenteuer erleben. Es gibt tolle Ferienkurse, in denen Kinder die Grundlagen in einem sicheren Rahmen erleben können und sich in der Gruppe gegenseitig ermuntern, die Grenzen des Machbaren zu erweitern.

Laufen, Balancieren, Hangeln und Klettern, Drehen und Springen, all das sind natürliche Bewegungsabläufe und ich denke, die meisten von uns haben viel zu wenig davon. Im Parkour geht es nicht um Leistung und Wettbewerb, sondern um Kreativität und Effektivität. Für mich ist das ein grandioser Gegenentwurf zu unserer Leistungsgesellschaft, deren Regeln Kinder ohnehin mit dem Eintritt ins Schulalter unterworfen sind. Das alles erinnert mich eher an das freie Spielen, welches in meiner Kindheit noch selbstverständlich ohne Beaufsichtigung durch Erwachsene stattgefunden hat. Sicher ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein gewisses Verletzungsrisiko damit einhergeht, aber auch das ist wohl niemals anders gewesen. Also übe ich mich weiter darin, mein Kind zu bestärken, der eigenen Begeisterung zu folgen und mache selbst mit, so gut es eben geht. Dabei überwinde ich ganz nebenbei auch meine eigenen Ängste.

 

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