Feuerwehrmann Sam – mein Helfer in der Not?

von | 4. Oktober 2018 | Miteinander leben, streiten, wachsen

Verlockend ist es schon – ein, zwei Folgen Feuerwehrmann Sam, Super Wings oder Prinzessin Lillifee, und für eine halbe Stunde ungestört die Spülmaschine ausräumen, T-Shirts falten oder sogar in Ruhe duschen. Fast jeder hat sein Kind schon einmal digital betreuen lassen, um sich ein kleines Zeitfenster Freiraum zu erkaufen. Die meisten Eltern tun das sogar recht regelmäßig – und doch meldet sich nicht selten das schlechte Gewissen: „Mein Kind ist schon 5 Tage die Woche sechs Stunden im Kindergarten. Ist es da legitim, es in der wenigen Zeit, die ich mit ihm habe, auch noch vor ein leuchtendes Rechteck zu setzen?“ Äähm … ja?!  Schließlich hat man auch noch anderes zu tun, oder? Ein iPad hypnotisiert zuverlässig und nachhaltig, die Wirkung setzt in Sekundenbruchteilen ein. Das schaufelt Zeit frei, um sich um den Haushalt zu kümmern, mit dem Partner zu streiten, die Hygienekonventionen zu erfüllen oder vielleicht noch ein, zwei oder neun Geschwisterkinder zu bespaßen.

Maß halten

Es ist, wie so oft im Leben, eine Frage des rechten Maßes. Die gemeinhin empfohlene halbe Stunde am Tag finde ich persönlich für meinen Vierjährigen fast ein bisschen viel. Aber sei’s drum, wenn es sich etwa in solchen Dimensionen bewegt, muss man sich nicht ständig mit Selbstvorwürfen plagen. Wer mit seinem Kind ansonsten genügend gemeinsam herumalbert, Höhlen aus Kissen und Legoburgen baut und viel Zeit mit der Brut im Freien verbringt, darf Lia oder Leon getrost mal ein halbes Stündchen vor der Flimmerkiste absetzen. Ich guck ja hin und wieder auch gern mal in die Ferne. Nun … So einfach ist es im echten Leben natürlich nicht. Was heißt „genügend Zuwendung“? Hat das „rechte Maß“ für eine Dreijährige die gleiche Minutenzahl wie für einen Fünfjährigen? Man muss das immer mal neu ausloten, eine für alle Fälle passende Schablone fürs gedeihliche Maß an Medienkonsum gibt es ebensowenig wie das Patentrezept für ein gutes Gewissen. Sich mit dem Partner und anderen Mamas oder Papas austauschen hilft ungemein, wenn man in solchen Fragen unsicher ist – zumindest dann, wenn man sich nicht bloß mit Fanatikern und Extremisten umgibt. Oder schlaue Blogs lesen.

Teurer Spaß

Die Moral hintangestellt, bleibt die Kosten/Nutzen-Frage. Die erwies sich bei uns als die härtere Nuss. Solange die Kiste flimmert, ist alles gut. Den Payback gibt es wenn der Bildschirm dann wieder schwarz wird. Mein Sohn Milo ist ein Energiebündel. So richtig. Sobald er aufsteht (meistens gegen 6:30, am Wochenende eher 6 Uhr, warum auch immer) springt, rennt, turnt und klettert er in einer Tour. Nebenbei blubbert er. Ohne Pause. Täglich sechzehntausend Fragen und Phantasien, Geschichten, Welterklärungsversuche und Baupläne für Pressluftbohrer aus leeren Klopapierrollen. Wer Milo kennt weiß, ich übertreibe nicht. Der Typ hat einen äußerst sympathischen Schatten, und vor allem Energie wie ein Kernkraftwerk.

Und dann setzt Du so ein Powerhouse vor einen Flatscreen. In der nächsten Sekunde hockt da ein Zombie. Nicht mehr ansprechbar, Du kannst ihm eine Packung Gummibärchen in die Hand drücken, er wird nicht ein Bärchen essen (hab ich ausprobiert). Ist die Medienzeit vorbei, zeigt sich der Flimmerschaden: Zunächst einmal will er natürlich nicht ausschalten. Es folgt die Ausübung elterlichen Zwangs. Danach hast Du es mit einem müden, weinerlichen, motzigen Wesen zu tun, mit dem Du für die nächsten zwei Stunden keinen Spaß mehr haben wirst. Auf jeden noch so kreativen Vorschlag folgt ein lethargisch gedehntes „keine Luuust“, im Wechsel mit „noch was anschauuun“.

Das ziehst Du fünf, sechsmal durch, bis Du zweifelsfreie Gewissheit hast: Der Preis, den Du für dreißig Minuten „Freizeit“ zahlst, ist unverschämt hoch.

 

Und nu?

Die Lösung ist von schlichter Schönheit. Die Fernseh- oder Youtube-Karte wird nur dann gezogen, wenn sich unmittelbar im Anschluss ein Spielplatz-Besuch oder irgendeine andere Draußen-Aktivität einplanen lässt. Und das muss vorher mit dem Kind klar abgemacht sein. „Du darfst jetzt eine halbe Stunde Fernsehen oder eine Folge XY auf dem Tablet angucken, aber danach gehen wir direkt auf den Spielplatz – ohne Diskussion, okay?“ Das ist ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, schließlich kommt die Belohnung zeitlich vor der Bedingung. Klar, komplett ist er nicht zu vermeiden, der anschließende Fight zwischen Ausschalten, Schuhe anziehen und Schließen der Wohnungstür. Aber sobald der Junge dann Auslauf hat, verflüchtigt sich der Flimmerschaden fast so schnell wie er ausgelöst wurde. Damit ist ganz nebenbei auch die Gewissensfrage gelöst: Wenn ich mich nach einer halben Stunde Medienkonsum zwei Stunden mit dem Kerl auf dem Spielplatz rumtreibe, muss ich mich nicht mehr wirklich mit dem Gedanken martern, was ich nur für ein schlechter Papa bin, oder?

Hier geht`s zum Jugendmedienschutz in Nürnberg:https://www.nuernberg.de/internet/jugendamt/jugendmedienschutz.html

„Familie und Medien“ war der Titel des 17.Offenen Forums Familie, mit vielen interessanten Foren, die hier nachgelesen werden können:

https://www.nuernberg.de/internet/buendnis_fuer_familie/forum2018.html

 

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