„Erziehung passiert nicht mit dem Nürnberger Trichter“

von | 10. Februar 2020 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Im Interview für den Familienblog gibt Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly Gedanken wieder zu dem, was sich für Familien in Nürnberg getan hat, aber auch zu seinem eigenen Familienleben.

Noch wenige Monate, dann endet Ihre 18jährige Amtszeit. Können Sie ein Schlaglicht darauf werfen, was sich in dieser Zeit für Kinder und Familien geändert hat?

„Was sich sicher geändert hat – auf der „Hardware“-Seite sozusagen – ist der Ausbau von Kindertageseinrichtungen. Wobei das eigentlich der falsche Begriff ist: Kinderbildungseinrichtungen müsste man sagen. Als ich Oberbürgermeister wurde, war „Kinderkrippe“ in Nürnberg fast noch ein Fremdwort, 2002 hatten wir eine Versorgung von 2%, jetzt sind wir bei 38% und es ist immer noch zu wenig. Ich schildere hier keine Erfolgsbilanz, sondern eher eine Etappe… Bei Kindergärten sind wir ganz gut unterwegs, es fehlen uns noch Hortplätze. Wir haben aktuell, aufgrund der Bevölkerungsprognosen, festgestellt, dass wir noch Hunderte von Millionen ausgeben müssen für den Ausbau von Kindertagesbetreuung, denn Nürnberg wächst nach wie vor.
Es gilt also auch weiterhin: Wir werden so lange bauen, bis auch für das letzte Kind ein Betreuungsplatz vorhanden ist! Die Wahrnehmung von Familien in der Stadtgesellschaft hat sich positiv verändert: Dazu hat sicher das Bündnis für Familien beigetragen, das schon kurz vor meinem Amtsantritt gegründet worden war. Auch in den Köpfen von Stadt- und Grünflächenplanern hat sich etwas geändert – man plant heutzutage nicht mehr den früheren englischen Betreten-verboten-Rasen. Es entscheiden nicht mehr Erwachsene alleine, nach dem Motto: „Wir wissen, wie Kinder spielen wollen“ und dann stehen am Ende ein paar verlassene Spielgeräte herum. Spielplatzplanung findet in der Regel mit Kinderbeteiligung stand. Ich gebe zu, dass die Kinder, die an der Planung beteiligt waren, oft schon groß sind, wenn der Spielplatz fertig ist – aber er ist trotzdem von Kindern für Kinder mitgeplant worden!“

 
Als junger Mensch Verantwortung zu übernehmen, das charakterisiert Ihr Leben schon lange vor dem Amtsantritt als Oberbürgermeister: „Beteiligung“ konnten Sie selber schon in der Jugendarbeit erfahren. Wie kam es dazu?

„Ich bin in einem bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Die Mama war zuhause, ich war auch nicht im Kindergarten, als Kind eines geburtenstarken Jahrganges. Es gab damals nicht ausreichend Kindergartenplätze und die Regel war: Kinder aus Familien, die einen eigenen Garten haben, bleiben zuhause!
Mein Bruder und ich sind aber, so denke ich, richtig gut erzogen worden: Auf der einen Seite sehr behütet, auf der anderen Seite mit sehr viel Vertrauen ausgestattet – auch in den ersten wilden Jahren, zum Beispiel bei den ersten Begegnungen mit Alkohol im Alter von 13 oder 14 Jahren. Das Elternhaus hat mich sicher geprägt. Die Eltern waren selber als Jugendliche bei der SJD „Die Falken“ gewesen, die Großeltern und der Urgroßvater auch…und so bin ich über die Mitgliedschaft in einer Kindergruppe in den Jugendverband und später den Vorstand des Kreisjugendrings hineingewachsen.“

 
Stichwort „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“: Das ist für Sie in der eigenen Familie mit zwei Kindern sicherlich kein einfaches Thema gewesen?

„Da herrschte tatsächlich ein klassischer innerfamiliärer Gendergap! Ich war ja vorher Stadtkämmerer – da war ich Innendienstler und hatte am Wochenende und abends Zeit für die Kinder wie viele normale Arbeitnehmer. Das änderte sich, vor allem in der ersten Wahlperiode als Oberbürgermeister, wo manches noch neu war und mehr Zeit erforderte, was später leichter fiel. In diesen Jahren, vor allem auch in der Pubertät meiner Kinder, hat meine Frau Petra tatsächlich wahnsinnig viel Erziehungsarbeit allein geleistet.
Wenn am Samstagvormittag die Kinder das Gefühl hatten, der Vater habe den Auftrag bekommen, jetzt zu schimpfen wegen Dingen, die unter der Woche schiefgelaufen waren, so haben sie das nicht mehr akzeptiert, nach dem Motto: „Hör mal, Du bist nie daheim und meinst, wenn Du am Wochenende da bist, kannst Du an uns herum erziehen?!“
Aber es ist alles gut gegangen. Die Kinder haben unter meiner Rolle zu der Zeit durchaus gelitten. Es ist kein Vergnügen, „die Tochter vom…“ oder „der Sohn vom“ zu sein. Ich meine heute, wo beide Mitte zwanzig sind, sagen zu können, sie haben es beide gut überstanden.“

Was war Ihnen, als beruflich so stark eingebundener Vater, wichtig? Was wollten Sie Ihren Kindern weitergeben?

„Etwas weiter zu geben, das war für mich nicht die Frage. Erziehung passiert ja nicht mit dem Nürnberger Trichter, mit dem man das, was man für richtig hält, den Kindern in die Birne füllt. Erziehung war für mich eher das Vorleben bestimmter Charaktereigenschaften, um ihnen dann – so, wie ich es selber erlebt habe – die Freiheit zu geben und diese Freiheit in eine elterliche Sicherheit einzubinden, so dass sie ihre eigenen Schritte ins Leben gehen können.
Beide sind, so würde ich es sagen, sehr sozial eingestellt. Das haben sie sicher ein Stück weit in der Familie gelernt, aber auch bei den Falken im Jugendverband. Beide sind Gruppenmenschen und pflegen einen großen Freundeskreis. Beruf und Karriere ist mir an dieser Stelle nebensächlich: Meine Kinder sind anständig, wohlgeraten und haben ihr Leben im Griff, mittlerweile auch einen Hochschulabschluss – aber das ist nicht das Wichtigste für mich!
Wieviel Anteil daran ich habe oder meine Frau, die in entscheidenden Jahren viel mehr Zeit mit den Kindern verbracht hat: Darüber mache ich mir keine Illusionen.“

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Bildnachweis: Stadt Nürnberg, Christine Dierenbach