Entdeckergruppen in Kindertagesstätten

von | 4. April 2025 | Eltern werden, Eltern sein, Miteinander leben, streiten, wachsen

Kinder brauchen keinen Plan und kein Programm, um die Welt zu entdecken. In der heutigen durchgetakteten Welt haben sie oft zu wenig Freiräume am Tag. In einigen Kindertagesstätten im Nürnberger Raum macht man im 2. Jahr Erfahrungen mit dem Modell der „Entdeckergruppen“, bei dem die Kinder Spaziergänge selbst führen.

 

Neugierig komme ich an einem sonnenstrahlenden frischen März-Morgen in der Kindertages-Stätte der AWO in Schniegling an. Dort erwarten mich der junge Erzieher David, eine Praktikantin und 14 kleine Menschen zwischen 3 und 6 Jahren. Mit ihnen darf ich gleich auf Entdecker-Tour gehen. Einige Kinder kommen auf mich zu, nennen ihren Namen und fragen mich nach meinem. Sie haben sich frei entschieden, beim Spaziergang dabei zu sein. Aus verschiedenen Gruppen des weiten, lichtdurchfluteten Hauses treffen sie sich in der Garderobe, um Schuhe und Jacken anzuziehen.

 

Sie kennen den Ablauf: in Zweier-Reihen gehen, die Älteren nehmen ihre jüngeren „Paten-Kinder“ an der Hand. Die vorderen Zwei übernehmen die Führung, das heißt, sie bestimmen den Weg: rechts oder links, Straße überqueren oder nicht. Am Straßenrand wissen sie: warten und schauen – erst losgehen, wenn kein Auto mehr in Sicht ist. Nach einer Weile wechselt das Führungs-Team ans Ende der Gruppe. Dabei gibt es Tränen. Zwei Kleineren fällt es nicht leicht, ihre Rolle abzugeben, auch wenn die Erzieher erklären: Andere möchten auch mal vorn sein.

 

 

 

 

 

Weiter geht es durch die dörflich anmutenden Straßen im Stadtteil. Plötzlich eine laute Kinderstimme: „Ein Regenwurm!“ Die Gruppe schart sich mitten auf dem Gehsteig um den Jungen, der das Tier mit 2 Fingern hoch in die Luft hält, um es zu zeigen. Der Erzieher sagt: „Den Wurm hast du jetzt gerettet, er wäre sonst leicht zertreten worden – bringe ihn doch auf ein Stück Wiese.“ Die findet sich gleich am Rand eines Zauns. Dort angekommen werden dem Regenwurm Beeren und Gräser vor die Nase gelegt. Der kleine Junge verkündet stolz: „Ich habe ihm zu essen gegeben!“

 

Nach diesem Abenteuer steuert das nächste Führungs-Team auf eine weite Spielplatzfläche zu, wo nach Herzenslust gerannt, geschaukelt und gerutscht wird. Auf dem Rückweg rennt ein Mädchen in den Hauseingang einer Praxis und winkt: „ Ich geh jetzt zum Zahnarzt!“ Die Kinder merken schnell, dass das nicht ganz ernst gemeint war.

 

So eine Entdecker-Gruppe landet manchmal auch in Firmen und Läden, wo die Inhaber freundlich Auskunft geben zu ihrem Geschäft. Oder sie laufen durch den Wald, wo von Felsen gesprungen werden kann und man sich über Bäche hilft.
David schwärmt nahezu von den Touren, die ohne Ziel und Struktur laufen: „Sie sind ein Riesen-Mehrgewinn für Pädagogen und Kinder – mit tollen Momenten für die Gemeinschaft. Der Energiehaushalt der Kinder ändert sich, wie werden auch fitter in der Motorik. Es ist die beste Medizin gegen Bildschirme. Teambildung und Verantwortung werden dabei gelernt.“

 

 

Begleitet wird er seit 1,5 Jahren von SOKE – der Dachorganisation der Nürnberger Selbstorganisierten Kindertageseinrichtungen. Dort betreut Pädagogin Doro Schuster das Projekt der Entdeckergruppen – nach dem Vorbild der Augsburger „Streunergruppen“. Sie nennt es ihr Herzensprojekt, das Rausgehen ohne Ziel und Plan, das „ein neues Gefühl von Freiheit“ gibt, wo „nichts muss“ – Partizipation und Stadtteilarbeit inbegriffen. Frau Schuster sorgt auch für die Prozessbegleitung der Erzieher*innen mit verschiedenen Workshops, unter anderem für Naturpädagogik. Diese läuft über 2 Jahre.

Der nächste Durchlauf ist schon am Start, damit mehr Kinder und Erzieher*innen in den Genuss der Entdeckergruppen kommen.

Hierfür gibt es Online-Info-Veranstaltungen:

10. April : 10 Uhr

27. Mai: 17 Uhr

Link erhältlich über: doro.schuster@soke.info

https://www.soke.info

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