Ein Todesfall

von | 20. Juni 2019 | Miteinander leben, streiten, wachsen

Ludwig betritt die Küche und sieht seine Mama mit zittriger Hand das Telefon umklammern. Zusammengestaucht sitzt sie am Tisch. Ein schmerzerfüllter Schrei, der halb im Hals stecken bleibt. „Was…?!“ Ein Todesfall in der Familie. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Ohne die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Ab heute ist die Verwandtschaft nicht mehr vollzählig. Ludwig bleibt in der Türe stehen, rührt sich nicht. Als er sich endlich bewegt, grinst er. Wieso grinst das Kind? Ich bin entsetzt, nehme ihn auf den Arm und verlasse den Raum, wir müssen uns jetzt irgendwie darüber unterhalten.

Es ist niemals einfach, mit dem Tod umzugehen.

Ludwig ist vier Jahre alt und versteht noch nicht was das heißt, wenn wir ihm sagen, die Tante sei tot.
Ich habe es mit Worten versucht, die ihm ein Begriff sind. Weg. Nicht mehr da. Die volle Bedeutung aber kann ich ihm unmöglich vermitteln, wir brechen das ernste Gespräch, das niemals den von mir gewünschten Ernst erreichen konnte, ab.
Aber das Kind grinst. Bosheit? Nein, ist es nicht. Soviel muss man auch in diesem Moment des frisch erfahrenen Leidens verstehen und sich zusammenreißen. Ich gehe in die Küche, die traurige Nachricht aus dem Telefon erdrückt uns im Raum. Ludwig will seiner Oma am Telefon von seinem neuen Spielzeug erzählen.


Ein paar Tage später sind wir dabei unsere Sachen zu packen. Wir wollen nach Berlin zur Beerdigung fahren. Immer wenn wir verreisen wollen, entsteht kurz vor dem Verlassen des Hauses eine relativ stressvolle Situation. Schon seit Ludwig laufen kann, nutzt er den Trubel aus und spielt etwas wilder als sonst. Dieses Mal hätte er sein Thema denkbar schlechter treffen können.
Mit ein paar zusammengesteckten Duplos hat er etwas gebaut, das er selbst Pistole nennt. Damit läuft er herum und schießt durch den Flur. Dabei schreit er: “Jetzt bist du tot!”

In Ludwigs Kindergarten werden solche Spiele von den Erzieherinnen verboten. Bestimmt ist es gerade das, was sie interessant macht? Ich nehme Ludwig beiseite und frage ihn, ob er sich daran erinnert, was ich ihm über den Tod erzählt habe. Er grinst, weiß es aber nicht mehr oder gibt vor, es nicht mehr zu wissen. „Wenn man das macht, steht der andere nie wieder auf,“ erkläre ich ihm und merke im selben Moment, dass er nie wieder wahrscheinlich auch nicht ganz versteht.
Es tut eben ganz doll weh, erkläre ich weiter. Ich frage „Möchtest du etwa, dass dir jemand ganz doll weh tut?“ Nein. Ich komme da nicht weiter und muss feststellen, dass es in seiner Welt eben ein Spiel – und nur ein Spiel – ist. Ohne Verbindung zum wirklichen Tod.

Zur Beerdigung nehmen wir Ludwig dann nicht mit. Wir müssen befürchten, Ludwig würde nicht stillsitzen und so Unruhe in die Zeremonie bringen. Die Stille, die Andacht und die notwendige Anteilnahme beim letzten Abschied sind etwas, bei dem man über lautes Kindergeschrei nicht so gerne hinwegsehen kann. Aber ein Abschied ist ein Abschied, und deshalb nehmen wir Ludwig dann am nächsten Tag mit zum frischen Grab. Die zahlreichen Blumen leuchteten noch in voller Pracht und die Grablichter flackern bedächtig. Wir sagen, dass die Tante jetzt im Himmel ist und deuten mit dem Finger nach oben. Ludwig antwortet nichts.

Das Schießen und das Wort Blut finden noch immer – für unseren Geschmack zu oft – den Weg in sein tägliches Spiel, aber mehr als es immer wieder zu erklären und darüber zu reden, können wir als Eltern bei einem Vierjährigen nicht machen.

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