“Die Alten, die von Armut bedroht sind, liegen uns vor allem am Herzen!”

von | 4. April 2020 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Der Stadtseniorenrat versteht sich als das Sprachrohr der älteren Bürger, er wurde in seiner Arbeit durch die Corona-Epidemie genauso ausgebremst wie unzählige Institutionen und Vereine. Christian Marguliés, der Vorsitzende, erzählt davon am Telefon:

„Vor zwei, drei Wochen stand die Frage im Raum: Was können wir überhaupt noch machen? Kann unsere Delegiertenversammlung, unter veränderten Bedingungen, noch abgehalten werden? Können unsere vielen Arbeitskreise weiterhin tagen? Die Entwicklung hat uns schließlich überrollt und unsere Geschäftsstelle, die im Seniorenamt angesiedelt ist, musste schließen.“

So ist nun auch die Kommunikation innerhalb des Stadtseniorenrates erschwert. Christian Marguliés pflegt sie vor allem über die Arbeitskreisleiter.
„Man darf nicht vergessen, dass sich ein Teil unserer Mitglieder nach wie vor schwer damit tut, die sogenannten neuen Medien regelmäßig zu nutzen, oder sich überhaupt damit anzufreunden.“

In „normalen Zeiten“ tragen einige Projekte in Nürnberg dazu bei, dass die ältere Generation den Computer und das Smartphone bedienen und sich im Internet zurecht finden kann. Den ComputerClub 50+ nennt Marguliés, aber auch Seniorennetzwerke, wie das in seinem Stadtteil Jobst: „Hier sind nie mehr als 6 – 7 Personen in einem Kurs und er findet wohnortnah statt. Das ist für viele wichtig, die sich nicht alleine in die Stadt trauen, zumal im Winter, wenn es früh dunkel wird.“
Das persönliche Coaching ist wichtig, wenn Senioren sich der Kommunikation per Internet annähern – und daher haben es die, die jetzt gerne einsteigen würden, in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen sehr schwer.

„Es war uns ein großes Anliegen, dass eine Hotline für nachbarschaftliche Unterstützung geschaffen wird. Darüber sprach ich auch mit der Leitung des Seniorenamtes und es ist sehr gut, dass die Stadt sie mit Partnern geschaffen hat!“ Der Stadtseniorenrat hätte dies nicht bewerkstelligen können.

Er selber sage manchen seiner älteren Mitbürger deutlich: „Eigentlich ist es unverantwortlich, wenn ihr als Risikogruppe nach draußen geht!“. Das sei verständlicherweise hart und erfordere den Mut zum Umdenken: „Ein Nachbar von mir ging zum Beispiel regelmäßig zu seinem Bäcker, der einen Mittagstisch anbot und hatte dabei auch noch täglich etwas Kontakt. Er hat sich nun dazu entschieden, Essen auf Rädern kommen zu lassen – und es geht!“

Christian Marguliés, rechts, neben seiner Stellvertreterin Klara Rebhan und Dieter Rosner, Leiter des Seniorenamtes

Was rät er Senioren sonst noch in diesen Zeiten?
„Telefoniert mehr! Ich weiß, dass viele ältere Menschen sich freuen würden über mehr Anrufe. Und ein weiterer Rat von mir ist, sich nicht zu scheuen, Hilfe zu erbitten!“ Aus eigener Erfahrung weiß Christian Marguliés, dass das vielen Senioren schwer fällt und dass gerade ein wohlhabender Stadtteil „ein Stadtteil mit Mauern sein kann“.

Rund 145 000 Personen in Nürnberg sind über 60 Jahre alt – das sind etwa 26 % der Stadtbevölkerung. Dem Stadtseniorenrat ist vor allem das Thema „Altersarmut“ ein großes Anliegen. Der Vorsitzende weiß, dass sich viele von Armut bedrohte Menschen auch in
den Zeiten vor Corona nicht outeten: „Die Nürnberger Seniorennetzwerke in den Stadtteilen waren an manchen armen alten Menschen sicher noch am nähesten dran. Aber hier ist noch vieles weiter zu entwickeln, wenn die Umstände es wieder zulassen.“

Abschließend hat Christian Marguliés eine große Bitte an die Nürnbergerinnen und Nürnberger: „Achten Sie auf Ihre älteren Nachbarn! Die Scham ist groß bei Senioren, sich mit ihrer Armut und ihren Notlagen zu erkennen zu geben.“

Hier geht es zur Homepage des Stadtseniorenrates:
https://www.nuernberg.de/internet/stadtseniorenrat/

Infos zur Corona-Krise finden Sie hier:
https://www.nuernberg.de/internet/stadtportal/coronavirus.html
Hotline für Nachbarschaftshilfen:
https://www.nuernberg.de/internet/stadtportal/nachbarschaftshilfe_corona.html

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