Der große Tag – eine Geburt aus der Sicht eines Vaters

von | 28. Oktober 2019 | Eltern werden, Eltern sein, Freizeit!!!

9:30, bei einem Bäcker
Vor der Arbeit war ich noch zur Kinderärztin gefahren, um irgendeinen Zettel zu holen. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was das für ein Zettel war. Aber ich hatte sicher ein Croissant in der Hand, als Denise mich anrief. Sie meinte, dass ich, nur um sicherzugehen, dass es nicht losgeht, lieber nach Hause kommen und nicht in die Arbeit fahren solle.

Wie bestimmt alle Männer hatte ich mir über diesen Tag schon viele Gedanken gemacht. Über die Rolle eines Mannes bei einer Geburt. Über die Geschichte dieser Rolle. Über den Zauber einer Geburt, aber auch über die Frage, ob ich dieser Naturgewalt gewachsen bin.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie in den 90er Jahren im Fußballstadion in der Halbzeitpause immer wieder Männer informiert wurde: “Fußballfan Manfred Müller, sie sind Vater eines gesunden Jungen geworden”. Einsatz Fankurve, alles jubelt. Auch kann ich durch ein Tagebuch meiner Mutter nachvollziehen, wie eine Geburt Ende der 70er für Männer verlaufen ist. Mehr als 90 Minuten Besuch in den ersten drei Tagen waren nicht vorgesehen. Ob sie erlaubt gewesen wären, weiß ich nicht.

Zum Glück hat sich vieles getan seit der Zeit, und so fuhr ich gespannt nach Hause, um herauszufinden, in welche Richtung sich dieser Tag wohl entwickeln würde.

17:00, in einem VW-Bus
Wir sind uns einig, dass wir etwas früher hätten losfahren sollen. Die Wucht der Wehen ist gänzlich unpassend für eine Autofahrt. Zum Glück ist das Geburtshaus nur zehn Minuten Fahrt entfernt. Ab und an denke ich nach, wie ich mit einem Stau umgehen würde, aber viel Zeit zum Nachdenken bleibt uns gar nicht.

Wir hatten das große Glück, dass alle Voruntersuchungen ergeben haben, dass unser Kind in einem Geburtshaus zur Welt kommen darf. Denise hatte daran sehr großes Interesse und ich wollte in erster Linie, dass ihre Wünsche umgesetzt werden. Unsere Tasche war prall gepackt mit Nahrung, Wechselklamotten und – darüber könnte ich mich weiterhin jeden Tag totlachen – ein Kartenspiel, dessen Anleitung wir noch nicht einmal gelesen hatten. Wenn alles recht lange dauert, könnten wir uns das Spiel ja draufschaffen.

Die kommenden Stunden waren aber nicht unbedingt geeignet für Kartenspiele (egal ob neu oder alt).

18:00, in einer Art Wohnzimmer
Der Geburtsraum war bis auf wenige medizinische Geräte wie ein ganz normales gemütliches Zimmer eingerichtet. Regale, Kommoden, ein Kamin und ein großes Bett. Mittendrin ich, wäre ich ein Sim gewesen, hätte ich zeitweise ein Fragezeichen über meinem Kopf gehabt. Unsere Hebamme, die uns schon seit Monaten durch die Schwangerschaft begleitet hatte, hatte die Situation top im Griff und ich war mir nicht ganz sicher, was ich zu tun habe. Der Abstand zwischen den Wehen betrug immer noch ganze Minuten, die Hebamme überprüfte Herztöne und coachte Denise ganz wunderbar. Ich versuchte, zu helfen, wo ich Bedarf sah, aber zunächst war außer Getränke Auffüllen nicht viel zu tun.

20:00, in einem sehr lauten Wohnzimmer
Okay, alles klar, das ist also zu tun. Ohne viel über die Sache zu wissen, setzen irgendwie die Instinkte ein und jeder Handgriff sitzt. Waschlappen hier. Zu kalt. Nein, zu warm. Mehr Wasser. Komisch, warum ist denn die zweite Hebamme noch gar nicht da? Hand drücken lassen. Naja, wird ein Chirurg schon wieder hinbiegen können. Die Hebamme scheint mir auch zu vertrauen (oder möchte mich einfach nur ab und zu auch mal wohin schicken) und teilt mir einfachste Aufgaben zu. Das letzte Stückchen der Geburt setzt ein und immerhin beantwortet sich eine meiner größten Fragen: würde ich eine Geburt insgesamt als überwältigend, wunderbar oder zumindest interessant ansehen oder würde ich sie eher als traumatisch und überfordernd wahrnehmen? Ich merke, dass ich lieber hin- als wegschaue, wenn ich die Wahl habe. Ich verspüre keinerlei Ekel oder Abneigung gegen das, was da passiert, sondern bin begeistert, dass ich teilhaben darf. Um nichts in der Welt würde ich etwas davon verpassen wollen.

21:30, zu dritt in einem unfassbar ruhigen Wohnzimmer
Wir liegen zu dritt nackt in einem Bett. Meine Tochter liegt auf meiner Brust und ich kann nicht wegschauen, wundere mich über die sofort einsetzende Liebe und deren Intensität. Wir lernen uns über den Körperkontakt kennen. Neben mir liegt Denise, auf die ich unfassbar stolz bin. Im Nebenraum liegt die Hebamme auf der Couch, schaut Kochshows und ab und zu fällt ihr iPad vom Tisch, weil sie einschläft. In der Zwischenzeit sind bestimmt noch hundert Sachen passiert, aber an die konnte ich mich schon in dem Moment kaum mehr erinnern.

00:00, zu dritt in einem VW-Bus
Nur drei Stunden nach der Geburt endet unser kurzer Aufenthalt. Die wenigen Untersuchungen wurden alle absolviert und wie auch wir möchte die Hebamme nach Hause. Das Bild einer Neugeborenen in einem Maxi-Cosi ist heftig, aber es geht los. Selten bin ich so übervorsichtig Auto gefahren. Es ist unter der Woche und keine Menschenseele ist unterwegs. Wir kommen in einem Stück zu Hause an.

Ab 00:30, im eigenen Bett
Es beginnt der erste Tag in unserem wunderschönen neuen Leben. Ich überlege mir, ob es nicht verantwortungslos ist, uns ohne eine erwachsene Person mit dem Kind alleine zu lassen. Es stellt sich raus: wir sind jetzt die Erwachsenen. Wir freuen uns, dass unsere Hebamme nun erst einmal jeden Tag bei uns vorbeikommt und uns hilft und Selbstvertrauen spendet.

Wir können unserer Hebamme nicht genug danken. Dass es überhaupt Geburtshäuser gibt, liegt einzig und alleine an ihr und ihren Kolleginnen. Daran, dass sie tagtäglich schlechten Arbeitsbedingungen trotzen, um etwas zu tun, woran sie glauben. Danke!

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