Das Elternhaus räumen

von | 12. Oktober 2020 | Freizeit!!!, Miteinander leben, streiten, wachsen

Jetzt war es so weit: Es ging wirklich ans Ausräumen, nicht nur ans Aufräumen, des Elternhauses.
Es ging nicht nur darum, regelmäßig die Wasserhähne aufzudrehen und die Heizung anzustellen, um zu prüfen, ob alles noch in Ordnung war. Es ging nicht mehr nur darum, den Garten für die Nachbewohner und die Nachbarn ordentlich in Schuß zu halten, damit sich niemand darüber beschweren konnte, dass die Zweige der Hecke zu tief auf den Gehweg hingen.

Einen 6 – Punkte-Plan, wie es denn gehen könnte, hatte ich im Kopf:

  • Punkt eins: Alle Kinder kommen mit zur Besichtigung und sagen, was sie eventuell aus dem Großelternhaus gebrauchen können. Sie nehmen es am Besten gleich mit oder organisieren selbständig den Transport.
  • Punkt zwei: Mein Mann und ich reservieren uns Wochenenden dafür, mit einem gemieteten Kleintransporter alles aus dem Haus zu schaffen, was in unseren Haushalt wandert oder von uns irgendwohin transportiert werden muss.
  • Punkt drei: Wir fragen die Nachbarn, die mit den Eltern befreundet waren, ob sie ein Erinnerungsstück aus Haus oder Garten haben möchten.
  • Punkt vier: Wir fragen das örtliche Sozialkaufhaus, ob es Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände übernehmen möchte und abholen kann.
  • Punkt fünf: Es wird ein (möglichst gemeinnütziges) Unternehmen mit der Räumung beauftragt.
  • Punkt sechs: Das Haus wird geputzt und für die schlüsselfertige Übergabe vorbereitet.

War das ein guter Plan?
Fast ein Jahr später kann ich sagen: Einen Plan zu haben, dessen einzelne Schritte fortlaufend verfeinert und überprüft werden, das war gut und wichtig.
Es war gut und wichtig, um mich nicht zu verlieren in vielen Detailfragen und auftauchenden kleinen Hindernissen und neuen Überlegungen, die wir erst im Laufe der Zeit anstellten.
Zwei Monate hatten wir uns dafür gesetzt, das Haus zu räumen, das jahrzehntelang der Lebensmittelpunkt meiner Eltern gewesen war. Das war machbar, hat mich aber insgesamt doch viel mehr Kraft gekostet, als zunächst angenommen.

Mir Zeit zu nehmen, das Haus allein auf mich wirken zu lassen, war wichtig.
Stunden über Stunden verbrachte ich allein in den Räumen – oder mein Mann sortierte im Keller die Werkzeuge des verstorbenen Vaters, während ich in der Dachkammer nachdenklich vor meinem über 60 Jahre alten Kinderbett stand.
Warum hatten die Eltern dies angeschrammte Möbel aus den 50er Jahren von einer Wohnung in die nächste mitgenommen, inklusive uralter Rosshaarmatratze? Für ihre eigenen Enkelkinder hatten sie es mir nie angeboten… und wenn, so hätte ich darüber gelacht.
Mal kam fast Ehrfurcht auf über die Sorgfalt, mit der die Eltern, solange es ging, ihre Garderobe und ihre Bett- und Tischwäsche gepflegt und repariert hatten.
Mal schüttelte ich wieder und wieder den Kopf darüber, wie sie, durch Krieg und schlechte Zeiten geprägt, Dinge aufgehoben hatten, die wir heute schon längst in den Müll geworfen hätten.
Viele Kindheitserinnerungen, gute und ungute, kamen hoch beim Eindringen in die Privatheit der eigenen Eltern, vieles wollte auf einmal wieder Raum haben, gesehen und nachempfunden werden.

So viele Gegenstände im Haus erzählten Geschichten und Alltagskultur-Geschichte:
Die zarten Regale, die Mutters vergilbte Romane trugen und die ich neulich erst in einem Lifestyle-Magazin entdeckt hatte: Voll wieder modern!
Vaters Übrigbleibsel von Hobbies, die er vor vielen Jahren gepflegt hatte: Die Reste einer Angelausrüstung. Sein Fotoapparat und Kästen voller Dias von Urlauben und Ausflügen, von Festen, vom Hausbau, vom Anlegen des Gartens…

Viel selber zu zerlegen, zu entrümpeln und abzutransportieren hat uns Geld gespart. Unterstützung bei Kindern und Nachbarn zu holen, war wertvoll.
Aber wichtig war auch, den Rest den Profis zu überlassen und „raus zu gehen“: Ich wollte nicht einmal mehr zuschauen, wie bestimmte Möbel auseinandergeklopft wurden, die den Eltern viel bedeutet hatten, für die es aber keine Verwendung mehr gab!

Vielfach mussten wir uns einen Ruck geben,
um Hausrat zu verschenken oder den Entrümplern zu überlassen und nicht selber mitzunehmen. Aber es war uns auch wichtig, dass unsere eigenen vier Wände nicht überzogen wurden mit allen möglichen Dingen der Generation vor uns, nur, weil wir es nicht schafften, uns davon zu trennen.
Es gab genügend Sachen, die selbstverständlich mitgenommen wurden: Wertsachen, Papiere, ein sehr umfangreiches, teures Ess-Service, das im Keller eingelagert wurde, zum Beispiel.
Manches habe ich nun gerne in unserer Wohnung, weil es uns gefällt, weil es mit positiven Erinnerungen besetzt ist. Zum Beispiel der kleine Teppich vor dem Ofen, den der Kater sofort adoptiert hat…

Ansonsten kann ich nur sagen:
Einen 7.Punkt würde ich heute dem 6-Punkte-Plan hinzufügen, müsste ich diese Aufgabe noch einmal bewältigen:
Setz Dich noch einmal hin, atme tüchtig durch und nimm bewusst Abschied, auch wenn es schwer fällt ! Auch das gehört zum Leben.

Hier zwei Links der Stadt Nürnberg, die bei einer Wohnungsauflösung hilfreich sein können:
Secondhandläden in Nürnberg:
https://www.nuernberg.de/internet/stadtportal/second_hand_in_nuernberg.html
Von Sperrmüll bis Elektroschrott – der ASN :
https://www.nuernberg.de/internet/abfallwirtschaft/service_einrichtungen.html

Und zwei Literaturtipps, die sich mit der Auflösung des Elternhauses auseinandersetzen:
– Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume, btb – Verlag
– Susanne Mayer: Die Dinge unseres Lebens uns was sie über uns erzählen, berlin – Verlag

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Bildnachweis: Foto D Reinecke, Foto D.Reinecke