„Bei uns war es nicht üblich, dass sich Frauen auf eigene Füße stellen“

von | 14. Juni 2019 | Miteinander leben, streiten, wachsen, Sagen Sie mal…

Lemia Yiyit kann viel erzählen aus ihrer langjährigen Erfahrung mit Migrantenfamilien: Vor allem über die Situation von Frauen und alten Menschen.
Sie ist Mitglied des Integrationsrates und seit 2013 auch eine von fünf Patientenvertretern am Klinikum Nürnberg.

Die Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter“ ist Jahrzehnte alt: Bereits in den 1950er Jahren führte Arbeitskräftemangel dazu, dass ausländische Arbeitskräfte angeworben wurden. Die meisten von ihnen wollten und sollten eigentlich nur ein paar Jahre bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren. Aber für Viele von ihnen wurde aus dem vorübergehenden ein dauerhafter Aufenthalt: Ihre Familien kamen nach und blieben in Deutschland. Soweit die Fakten, die wohl Jedem bekannt sind.
Weniger präsent ist den meisten von uns, dass es auch eine Vielzahl an „Gastarbeiterinnen“ gab, die den Weg in die Fremde alleine gingen.

„Bei uns in der Türkei war es nicht üblich, dass sich Frauen auf eigene Füße stellen,“ berichtet Lemia Yiyit, „aber einige hatten den Mut dazu – zum Beispiel auch meine Schwägerin, die zu Beginn der 70er Jahre von Siemens in Deutschland angeworben wurde. Vier Frauen teilten sich damals zu viert ein Zimmer mit Stockbetten in einem Heim. Sie sprachen kein Wort Deutsch und es dauerte auch lange, bis sie die Sprache gut beherrschten. Damals gab es keinerlei Angebot, einen Kurs bezahlt zu bekommen. Sie hat später geheiratet, hat ihren Mann hierher geholt und beide haben – bei später insgesamt 4 Kindern! – in Vollzeit gearbeitet. Jeder Tag war minutiös durchgetaktet und ich frage mich manchmal, wie war das bloß zu schaffen?“

Lemia Yiyits Familie stammt aus der tükisch-arabischen Provinz Hatay im Süden der Türkei:
„Dort herrschte früher ein wirklich multikulturelles, weltoffenes Klima, in dem Muslime, Christen, Aleviten und Juden zusammen lebten“.
Ihr Vater kam 1973 nach Deutschland und holte Frau und Kinder ein Jahr später nach, als Lemia neuneinhalb Jahre alt war:
„Meine Mutter hatte nie eine Schule besucht, sie war die Älteste von 8 Kindern und mußte auf die jüngeren Geschwister aufpassen. In Deutschland war sie zunächst Hausfrau, dann arbeitete sie regelmäßig auf dem Erdbeerfeld, zahlte aber nicht in die Rentenkasse ein. Ihre Altersversorgung war nur gesichert, weil mein Vater eine gute Rente bezog und die beiden sich eine Eigentumswohnung erarbeiten konnten.
Viele alte Migrantinnen müssen mit einer Rente um die 500 Euro auskommen und sind auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen. Sie scheuen sich, staatliche Unterstützung zu beantragen: Zum Einen scheuen sie den Papierkrieg, der damit verbunden ist, zum Anderen ist da die Sorge, keinen Anspruch mehr darauf zu haben, wenn sie mehrere Monate im Jahr ihre alte Heimat besuchen wollen.“
Treffpunkte älterer Migranten gibt es mittlerweile in Nürnberg an einigen Orten, zum Beispiel in der Villa Leon oder im Mehrgenerationenhaus Schweinau.

In einem Arbeitskreis „Migration und Alter“, dem auch Lemia Yiyit angehört, tauschen sich Fachleute aus über die Bedürfnisse und Angebote für alternde Migranten in Nürnberg.


„Man muß wirklich sagen: Die Stadt Nürnberg und manche Träger wie NürnbergStift bemühen sich sehr um diese Zielgruppe,“ sagt Lemia Yiyit.“Trotzdem bleibt es ein Problem: Wie erreichen wir den einzelnen Menschen? Wie gelingt es, dass ältere Migranten ihr Wissen breit weitergeben?“ Als Problem sieht sie durchaus auch, dass mancher Verein, in dem Türkischstämmige organisiert sind, sich stärker auf das Herkunftsland fokussiert als auf die Situation der Landsleute hier in Deutschland.
Als Patientenvertreterin kennt sie auch die Anstrengungen des Klinikums, die Kommunikation zwischen Personal und Patienten mit Migrationshintergrund zu verbessern – vom internen Übersetzerpool bis zum Videodolmetschen.

Sorge macht Lemia Yiyit, dass es noch immer Gruppen von Migrantinnen und Migranten gibt, denen der Zugang zu Beschäftigung verwehrt wird. „Auch junge Menschen mit Duldung müssen die Möglichkeit bekommen, eine Ausbildung zu beginnen! Die Mehrheit der Migranten ist dankbar dafür, wenn sie arbeiten können und nicht mehr der öffentlichen Hand zur Last fallen müssen.“

https://www.nuernberg.de/internet/integrationsrat/

 

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Bildnachweis: Foto D.Reinecke, Foto D Iannicelli